13 Jahre nach ihrer Auflösung,
vier nach den ersten erfolgreichen Reunion-Konzerten sind sie
tatsächlich zurück: Am 23. April veröffentlichen die
Hannoveraner ihr neues Studio-Album "NOW". Wir sprachen mit den beiden
Frontmännern Kai und Thorsten Wingenfelder.
Inwieweit waren es Eure Reunion Konzerte, die den Weg geebnet haben für das neue Album?
Kai: Die Reunionkonzerte sind ja auf einer anderen Wiese
gewachsen. Es begann mit dem „Klassentreffen“ wie unser
alter Freund Wolfgang von Hannover Concert sie genannt hatte, daraus
wurden die drei Konzerte in der Arena und daraus entstand dann die Idee
für noch mehr Konzerte und das wuchs uns ruckzuck über den
Kopf. Deshalb sind wir überein gekommen, dass wir unser Management
bitten, uns zu unterstützen und so wurde die Sache langsam
größer, es machte Spaß, dann kam die Idee mit der
Best-of CD und mit der Zeit sind wir uns alle wieder näher
gekommen. Es galt weiterhin dieses Swingerclub-Motto, das uns ganz
wichtig war, alles darf, nichts muss und jeder durfte Veto einlegen und
wir sind alle sehr vorsichtig miteinander umgegangen. Irgendwann kam
jemand mit der Idee für ein neues Lied, der Produzent Vincent Sorg
wollte gern einen Song mit uns aufnehmen, also haben wir gesagt, wir
probieren das und darauf aufbauend hatten wir irgendwann 5 Songs und
dann haben wir gemerkt, jetzt wird`s wahrscheinlich n Album. Ein
großer Masterplan steckte nicht dahinter, aber so langsam wuchs
die Idee, was wir machen könnten.
Das Album sprüht vor Energie und Elan – aber viel wichtiger ist ja die Qualität der Songs, oder?
Thorsten: Wir hatten eigentlich immer vor, endlich mal ein Album
zu machen, das widerspiegelt, was wir auf der Bühne machen, die
gleiche Energie und Kraft, die wir bislang nie geschafft haben, im
Studio zu bündeln und dafür war Vincent genau der richtige
Mann. Er hat die richtige Erfahrung mit Bands, die rocken. Und wir
haben auch immer nur einen Song vorgenommen und den bis zu Ende
aufgenommen – und nicht erst alle Schlagzeugspuren, dann die
Gitarren usw., sondern wir waren alle bis zum Ende fokussiert auf das
eine Ergebnis. Und das Ergebnis ist eine rundum gelungene Sammlung
– no fillers, just killers.
Wann sind die Songs entstanden? Sind die alle neu?
Thorsten: Wir haben die Songs nach und nach geschrieben, haben
uns die nacheinander gemeinsam vorgenommen und bearbeitet. Und der Song
„1995“ ist in seiner Ursprungsversion von Henning Wehland
und wir haben den zuende komponiert und aufgenommen – und das
teilweise alle zusammen in einem Raum. Kai: Es gibt sogar Songs, die
wir im Studio geschrieben haben. Einer hatte einen Riff, die Band fing
an, darauf zu jammen und plötzlich wurde der Song
„Replay“ draus: IN 10 Minuten geboren, dann mussten wir ihn
nur noch ausfeilen. Wir hatten einfach gute Laune, und das hörst
du.
Und der Monstersound kam dann von Vincent?
Kai: Das ergibt sich aus beidem. Es ja nicht so, dass wir die
kleinen Mäuse sind und dann macht Vince das große Ding
draus. Es heißt auf dem Album „produziert von Vince und
Fury“ und so war es auch. Vincent gibt uns die Möglichkeit,
das Potential der Bans voll auszuschöpfen. Ich mag es auch, wenn
der Produzent von Anfang an dabei ist und fühlen kann, was die
Band will – und dann die Skills hat, das genauso umsetzen zu
können. Auch wenn vieles online ablief, aber er war halt dabei.
Also ist alles 2020 abgelaufen?
Kai: Der Großteil ja, angefangen haben wir Ende 2019.
Apropos „1995“ – der ein tolles Video hat. Was
hättet ihr nur mit all den Filmschnipseln gemacht, wenn ihr den
Song nicht gehabt hättet?
Kai: Dann hätten nur wir uns wohl allein daran erfreuen müssen.
Und der Titelsong ist der Quotensong? Irgendein Song sticht doch immer
als „sonderlich“ hervor, oder? Vor allem auf euren
früheren Alben…
Kai: Unter dem Aspekt habe ich das noch gar nicht gesehen.
Christoph hat den Song geschrieben und wir haben dann noch in bisschen
drumherum gesponnen. Aber es stimmt, der war schon etwas verrückt,
und wir haben ihn dann noch ein bisschen verrückter werden lassen.
Dann kam Gero noch mit seinem Minimoog, dann hat Vincent sich noch
eingebracht und dann haben wir das Ding nach Hause geritten. Und
solange wir dabei Spaß hatten, haben wir alles richtig gemacht,
und alle anderen können in Quarantäne in ihrer Küche
dazu tanzen.
Apropos Quote: Ansonsten singst du, Kai, dieses Mal wieder alle Songs?
Kai: Auch darauf haben wir ehrlich gesagt, gar nicht geachtet.
Thorsten hatte sonst auch schon immer mal einen Song, dieses Mal ist es
Christoph. Glücklicherweise brauchen wir auf diese Ego-Probleme
nicht mehr zu achten.
Und alle anderen Band-Projekte liegen jetzt erstmal auf Eis? Oder habt ihr darüber gar noch nicht gesprochen?
Kai: Momentan ist ja ohnehin nichts möglich, und
natürlich scharren wir Fury-mäßig mit den Hufen, und
würden da auch gerne loslegen, und solange da etwas geht, brauchen
wir über andere Projekte auch gar nicht nachzudenken, weder mit
Wingenfelder, noch mit den Wohnraumhelden.
Thorsten: Wir hoffen auf ein paar Open Airs im Sommer, nach
jetzigem Stand werden die aber wohl eher kleiner ausfallen müssen
und die Tour mit den großen Konzerten ist erstmal auf
nächstes Jahr verschoben. Naja, und zur VÖ habe wir noch ein
kleines Schmankerl, aber das müssen wir noch gar nicht verraten,
das wird jeder merken.
Eher kleiner – zumindest von der Zuschauerzahl – waren ja auch die Autokonzerte im letzten Jahr…
Kai: Ja, da haben wir drei gespielt, die waren auch besonders,
weil wir es anders gemacht haben, als alle anderen. wir haben eine
halbe Stunde vorher die Scheiben geputzt und uns angeguckt, was die
Leute alles aufgebaut hatten an Theken und Sushi-Bars und
Bierfässern und die Leute haben sich gefreut wir Bolle, dass wir
mit ihnen geredet haben. Und plötzlich spielst du nicht vor
Autoscheiben, sondern weißt, wer da drin sitzt. Und dann haben
wir uns über Zoom und Downloadcode 500 Leute gleichzeitig auf die
Videowalls geholt und konnten mit denen kommunizieren. Das war zu dem
Zeitpunkt schon das Maximum, das wir aus der Situation herausholen
konnten, aber ich bin froh, dass ich sie dieses Mal wieder singen
hören kann, und nicht hupen.
In „whats left to say is sorry” – wofür?
Kai: Für meinen Sohn. Der ist 13 und es tut mir Leid,
feststellen zu müssen, wie wir diesen Kindern die Welt
hinterlassen. Darum geht’s. wir haben leider total geloost, und
wenn wir jetzt nicht langsam den Arsch zusammenkneifen und das wieder
hinkriegen, wird es zu spät sein. Der Song ist ein bisschen aus
der Zukunft geschrieben, weil ich meine, dass wir das Steuer noch
herumreißen können, wenn wir uns anstrengen. Leider kann ich
momentan noch nicht erkennen, dass die Menschheit aufwacht. Die Energie dieses Albums, die Szenen
im Video zu „1995“ – kann man die verrückten
Tage zurückholen, bzw. kann es nochmal so werden?
Kai: Nein, so manchen Move werde ich so wohl nicht mehr
hinbekommen und fürs Crowdsurfen bin ich auch zu schwer geworden,
aber es wird anders werden und das muss auch nicht schlechter sein.
Thorsten: Anders, ja. Erfolg ist ja auch eine Frage der
Definition, und für uns definitiv eine andere als mit 25. Wir
gehen heute viel entspannter und mit viel offenerem Visier in das
kleine Rock`n`Roll Leben, das wir dann leben dürfen, und ehrlich
gesagt ist mir das jetzt, also im „Now“ deutlich lieber.
Wenn ihr es denn leben dürft… bis dahin: Bekommt ihr Coronahilfen?
Kai: Wir haben einmal Hilfe beantragt für all die Konzerte,
die wir absagen mussten und alles, was wir auch sonst nicht machen
konnten, und das soll es auch bleiben, Aber: Wir verdienen jetzt im
zweiten Jahr keinen Cent und da wird es auch bei uns langsam eng.
Thorsten: Ganz unbesiegbar sind auch wir nicht. Und wir haben
Familien und Leute, um die wir uns kümmern müssen und wir
haben Leute im Umfeld, die noch gar nichts bekommen haben und andere,
die offensichtlich genau das richtige Unternehmen haben und etwas
bekommen haben.
Kai: Gottseidank gibt es diese Hilfen und wir haben gesehen,
dass es bei den richtigen angekommen ist, aber wenn selbst die
Steuerberater nicht mehr genau sagen können, wie man es am besten
anstellt, dann tut es mir Leid, dann ist da irgendetwas falsch
gelaufen.
Thorsten: Wenn wir jetzt im Sommer die anvisierten Konzerte
spielen können, sind wir safe. Und wenn wir im Herbst sogar unsere
verschobene Wingenfelder Tour nachholen könne, ist alles gut. Aber
wenn nicht – und bislang ist ja leider immer nur das worst case
szenario eingetreten, dann müssen wir noch einmal ganz neu
sprechen.