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Interview des Monats: Jupiter Jones
In jedem Jahr gibt es
auf dem Watt En Schlick Festival auch mindestens einen großen Rock-Act. Nach
Maximo Park (´24) und den Donots (´25) waren das in diesem Jahr (eigentlich
nur) die Münsteraner Jupiter Jones. Zwar liegt ihr größter Erfolg mit „Still“
bereits ein paar Jahre zurück, aber der Song poliert auch heute immer noch
regelmäßig die Playlists der Radiosender auf. Ansonsten war der weitere Weg
seitdem etwas holprig. Nachdem Sänger Nicholas Müller wegen Angststörungen die
Band zwischenzeitlich verlassen musste und die Fortsetzung mit Neuzugang Svaen
Lauer nur ein Album lang Bestand hatte, kamen sie 2022 mit einem ersten neuen
Album und noch relativ leise zurück. Das soll sich jetzt mit dem neuen Album
ändern: „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“ dürfte die Band zurück in die
Schlagzeilen bringen. Wenn es denn gerecht zugeht. Wir sprachen mit den beiden
Köpfen der Band, Nicholas Müller und Gitarrist Sascha Eigner.
Nicholas, du hast auf der Bühne schon gesagt, es ist das beste Album. Ich
würde bestätigen: Starke Texte, klasse Songs. Es ist ja deutlich rockiger und
frischer als das letzte Album, oder?
Nicholas: Ja, kann man so nennen. Es atmet mehr
und es lebt mehr, weil wir viel mehr Zeit zusammen verbracht haben. Wir hatten
das letzte Album in die Pandemie reingeschrieben, hatten 2019 beschlossen, dass
wir weitermachen, angefangen mit neuen Songs und 2020 wollten wir wieder in die
Welt hinaus. Ab da haben wir uns größte Mühe gegeben. Ich habe einen sehr guten
Freund, der ist Arzt, der hat uns sehr früh schon Schnelltests gesorgt für ein
Heidengeld und wir haben versucht, so viel Zeit wie möglich miteinander zu
verbringen, aber manchmal ging es einfach nicht. Sascha hatte zwischendrin zwei
Monate Corona, also lief es zwangsläufig darauf hinaus lief, dass wir ganz
viele Sachen getrennt voneinander zu Hause gemacht haben.
Sascha: Wir hatten ein richtig gutes Team
dieses Mal. Das ist der Unterschied. Wir haben mit Andi, unserem Produzenten,
einfach jemanden gefunden, der uns tatsächlich nochmal so richtig alles
rausgekitzelt hat. Der ist ins Studio gekommen mit einer super positiven
Energie und hat versucht, alles umzukrempeln.
Das Erste ist ja noch ein bisschen melancholischer. Ist
die neue Energie auch eine Reaktion darauf?
Nicholas: Nee, es war tatsächlich, also es hat
einfach sehr gelebt und geatmet die ganze Zeit. Und es durfte auch manchmal
einfach Zeit verschwendet werden. Das finde ich ist ganz, ganz wichtig beim
Songwriting, dass man nicht immer nur mit irgendeiner fadenscheinigen Hitformel
da sitzt und versucht möglichst stringent jetzt nach irgendeinem Schema einen
Song zu schreiben, sondern einfach auch wirklich mal Dinge versucht. Beim Song
„Paul McCartney stirbt“, haben wir mit unserem lieben Freund Michi, ehemals
Mikroboy,, zusammengeschrieben und da gab es irgendwann die fixe Idee, dass wir
später so ein Hair-Metal-Stadionrock-Part haben wollen und siehe da, wir haben
den jetzt, weil wir es einfach gemacht haben. Ich glaube, es gibt so zwei
Emotionen, da hört man der Musik an, wenn sie echt sind. Das eine ist Trauer,
das andere ist Freude.
Das Album jetzt zum Watt En Schlick zu veröffentlichen
ist natürlich mega passend. Startet ihr jetzt eure Festivalsaison?
Nicholas: Festivals sind noch ein paar und dann
gehen wir im September und Oktober auf Tour. Und dann wird richtig auf links
gezogen.
Sascha: Das Festival Booking fängt immer ein
Jahr vorher an, also jetzt ist das Festival Booking für nächstes Jahr an und da
ist es immer ein bisschen schwer genau zu timen
Ihr macht jetzt alles selbst, ohne Plattenfirma, das
ist ja letztlich auch der Druck nicht wirklich da.
Sascha: Aber der Druck ist
insofern viel höher, als dass wir alles selber finanzieren.
Nicholas: Dafür können wir alles
selber entscheiden und das ist auch die Freiheit, die wir uns nehmen. Das ist
auch Teil des Plans. alles zu entscheiden, aber zwischendrin ist es einfach
echt ganz schön, bei manchen Sachen zu wissen, dass da jemand anderes noch
mitdenkt. Wir haben ein tolles Team, trotzdem hängt es am Ende an uns beiden.
Da gibt es niemanden, auf den man mal sauer sein kann, wenn etwas nicht
geklappt hat, da können wir nur sauer auf uns selbst sein.
Gibt aber ja keinen
Grund: „Ab jetzt Champagnerempfang“! Warst du derjenige, der so viele Fragen
gestellt hat?
Nicholas: Ja, da geht es um mich
in dem Song. Das sind meine Erfahrungen mit meinem Körper, mit meinem Selbstbild.
Und jetzt kannst du endlich drüber reden?
Nicholas: Nein, das habe ich mir abgewöhnt. Und
ich glaube, das liegt noch nicht mal am Job, sondern daran, dass ich es
wahnsinnig anstrengend finde, Menschen dabei zuzusehen, wie sie um den heißen
Brei drum reden, wenn es um Menschliches geht. Ich verstehe auch, warum viele
Menschen das so machen, aber für mich selbst hat sich bewährt, über Themen, die
mich belasten, offen zu sprechen, weil sie mich dann sofort weniger belasten.
Und deswegen gibt es solche Songs.
„Keine neuen Gründe“: Hast du dein soziales Umfeld
dann in dem Zuge gleich mit reorganisiert?
Nicholas: Unser soziales Umfeld ist Gott sei Dank
nicht so schlimm. Wahrscheinlich habe ich auch irgendwo den obligatorischen
AfD-Wähler Onkel irgendwo rumsitzen, den haben wir wahrscheinlich alle, irgendwo
müssen ja alle herkommen. Aber ich fühle mich sehr gesegnet mit einem politisch
stabilen Umfeld. Wenn ich sage, dass ich Faschos scheiße finde, dann bekomme
ich nur zustimmendes Nicken und keine Menschen, die plötzlich dann doch noch
diskutieren wollen. Aber wohne im
behüteten Münster, da reicht es trotzdem
auch, vor die Haustür zu gehen und trotzdem mindestens drei Leute zu treffen,
die ich gerne, wenn es möglich wäre, bekehren würde.
Du hattest gerade bei „Paul McCartney stirbt“ von
diesem Stadionrockfinale gesprochen, aber das Finale von „Keine neuen Gründe“
hat die Melodie für Millionen, oder nicht?
Das habe ich schon zu
Sascha gesagt, als wir das damals eingespielt und ich den eingesungen habe: Das
ist eine meiner Lieblingsmelodien!
Früher hättet ihr in der Tat auch wahrscheinlich
leichter noch die Millionen Hörer dafür gehabt. Ich meine, ich war positiv
überrascht, Sonntagmittag war es glaube ich noch die so voll vor der Bühne des
WES wie heute! Trotzdem: Vor ein paar Jahren wären Jupiter Jones ja
auch durchaus auch ein 20 Uhr-Slot gewesen, oder?
Nicholas: Das wird es auch wieder.
Sascha: Ich glaube, das liegt tatsächlich
daran, dass wir so spät dran waren. Wir haben den letzten freien Slot auf den
letzten Drücker noch bekommen
Nicholas: Klar sind 20 Uhr Slots toll, aber es
kommt echt immer drauf an, wer vor der Bühne steht. Also das ganze
Uhrzeitgedöns, das ist alles Stolz. Das ist so ein Ringen nach Reputation, aber
was machen die Leute, die da stehen. Und wenn die um 12 Uhr feiern, dann ist es
genauso schön, wie wenn die um 20 Uhr feiern. Voller als voll kann es nicht
sein, es war voll!
Einen Song wie „Eurem Töchtern geht es gut“ (feat.
Liser & Finna) hätte ich jetzt auf einem Jupiter Jones also nicht wirklich
erwartet.
Nicholas: Das ist hier: Beastiebert, der hat es
gemacht. Sascha bereitet immer Demos vor und dann kommen manchmal auch Sachen,
die mich auch überraschen. Bei diesem Song war ich das gar nicht so sehr, das klingt
schon sehr nach Sascha. Das Thema Feminismus und insbesondere Gleichstellung
ist schon immer ein wichtiges Thema für uns gewesen. Wir sind jetzt beide Väter
von Töchtern und da ist es auf der einen Seite natürlich wichtig, ein gutes
Vorbild zu sein, im Sinne von, so können sich Männer auch benehmen. Auf der
anderen Seite finde ich immer ein bisschen bitter, wenn Männer plötzlich
Feministen werden, nur weil sie jetzt eine Tochter haben.
Und dass dann da
gerappt wird, liegt einfach daran, dass wir zwei fantastische Rapperinnen
gefunden haben, die da mit uns zusammenarbeiten wollten und die haben auch die
Texte geschrieben an der Stelle. Also ich bin der Texter der Band, aber ich bin
auch ein heteronormativ weißer, heterosexueller Cis-Mann, Mitte 40 und aus
Deutschland. Natürlich habe ich auch viele Probleme, aber ich glaube, dass jede
Frau aufgrund der Ermangelung eines Penis und der Wahrnehmung von außen ab
Geburt einfach mehr Probleme hat, weil sie ihnen von Männern gemacht werden.
Und darum geht es in dem Song. Und deswegen möchte ich da nicht erzählen, was
ich für ein verständnisvoller Knilch bin, sondern ich möchte gerne, dass Leute
erzählen, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein, eine Flintaperson zu sein,
die eben jenes sind. Deswegen ist das so gekommen, wie es ist.
„Wo diese Liebe hinfällt“ ist dann deine Unterstützung
raus aus der Angst? Nicholas: Nein. Das ist ein
Lied über mich und meine Freundin und hoffentlich über jede funktionierende und
schöne Beziehung. Wir sind uns sehr ähnlich, fast gleich in vielen Dingen, aber
in vielen essentiellen Dingen auch wahnsinnig unterschiedlich. Und darum geht
es in dem Lied, dass dieses sich gegenseitig ergänzen. Und das Ganze in einem
Weltuntergangsszenario.
Ja, ich habe gerade Luisa Neubauer zugehört. Ich
könnte ehrlich gesagt heulen wenn ich darüber nachdenke…
Nicholas: Wir geben eine Menge Scheiß mit, das
stimmt. Oder haben eine Menge Scheiße durchgehen lassen bis hierhin, auch wenn
wir es selber nicht gemacht haben.
Ja, Luisa ist ja in der glücklichen Lage, das jetzt
wirklich zu ihrem Beruf gemacht zu haben und auch recherchieren zu können und
fundiert dann darüber reden zu können.
Ja, da wollte ich auch
nicht tauschen. Wenn man da eben ständig mit alten weißen Männern und gegen Wände
redet. Da bewundere ich sie, dass sie da nicht schon mehrfach einfach die
Kettensäge gezückt hat.
Zum Ende des Albums, mit „Platz an der Sonne“, v.a.
aber spätestens mit „Immer noch“ dann doch nochmal zurück zur Melancholie?
Nicholas: Darum geht es bei Jupiter Jones ein
bisschen, dass immer das ganze Spektrum mitgenommen wird. Ich kann schlecht auf
Partys sein, wo die ganze Zeit nur fröhliche Musik läuft. Das geht mir
irgendwann auch einen Keks, weil ich auch traurige Musik liebe und auch in trauriger
Musik glücklich sein kann. Und jedes Album, das mir wichtig ist, hat auch genau
das. Es wird nicht immer alles gut. Das ist gerade im deutschen Pop so eine
Attitüde, die ich nicht nachvollziehen kann, Dieses ständige ´gleichzeitig bei
drei in die Luft springen, dann wird das nun wieder alles gut; wir müssen nur
dran glauben´ geht mir nicht um den Keks. Am Ende gibt es immer noch Schicksal
und deswegen darf es auch melancholisch werden. Und auch selbst in der großen
Melancholie vom letzten Lied steckt ja eben drin: „Du fragst auf das Leben? und
ich sage immer noch!"
Brauchte es nur ein Solo-Album oder gab es eigentlich
noch weitere Pläne für dein zwischenzeitliches Projekt Von Brücken?
Nicholas: Das war ja auch kein Solo-Album, da war
ich ja Sänger einer Band. Da gab es weitere Pläne, aber da hat sich dann
herausgestellt, dass die in unterschiedliche Richtungen gingen.
Und Sascha, Du hast am Anfang ja auch noch mit dem
neuen Sänger mit weitergemacht. Wann war euch klar, dass das keine Zukunft hat?
Sascha: Wir haben eigentlich tatsächlich an
einem zweiten Album schon gearbeitet und ein ganzes Jahr lang im Studio
gesessen und es hat sich einfach herausgestellt, dass das menschlich nicht mehr
gepasst hat. Es war halt auch so, dass Sven einen schweren Stand hatte. Er hatte
schon sein Leben lang Musik gemacht, ist aber als Hobbymusiker in eine
Profi-Band eingestiegen und da kam so viel auf ihn zu. Er hatte keine Chance,
reinzuwachsen. Was das für ein Aufwand war hat er überhaupt nicht abschätzen
können. Und das wurde halt zunehmend zum Problem. Und dann haben irgendwann
zwei Leute gesagt, dass sie aufhören wollen. Deswegen haben wir das
beendet.
Wobei das Reinwachsen ja offensichtlich auch keine
Garantie war, damit klar zu kommen.
Nicholas: Meine Erkrankung kam nicht daher, dass
ich in der Band spiele. Das sollte man meinen, weil das natürlich gerade in dem
Moment, wo der Erfolg kommt, auch einen ordentlichen Druck erzeugt. Und der hat
mir sicher nicht dabei geholfen, gesund zu werden, aber das war auch nicht der
Grund dafür krank zu werden. Angsterkrankungen sind ein superkomplexes Thema
und ich kann dir auch nicht sagen, was genau dazu geführt hat, aber es fing an,
als meine Mutter gestorben ist, da sind bei mir die Panikattacken losgegangen
und das hatte mit der Band überhaupt nichts zu tun.
Was Angsterkrankung
dringend verlangt von dir ist, dass du dich zeitnah darum kümmerst, damit die
nicht immer tiefer in die ganzen Strukturen reinwachsen kann und das war bei
mir der Fall. Und wenn das so tief in den Strukturen sitzt, dann brauchst du
halt eine Zeit, um da wieder rauszukommen und umzulernen. Und die hatte ich
natürlich nicht in dem Moment, in dem wir ständig auf Tour und im Studio und
bei irgendwelchen Fernsehterminen und so waren. Und das hat die Sache nicht
erleichtert. Aber das ist das Gleiche für einen Bäcker oder eine Maurer oder
eine Friseurin oder eine Krankenschwester. Wenn die es sich nicht leisten kann,
einfach mal für ein paar Monate oder ein Jahr nicht zur Arbeit zu gehen und
sich darum zu kümmern, dann hat die das gleiche Problem wie ich an der Stelle.
Warum eigentlich „Paul McCartney stirbt“
Nicholas: Weil Paul McCartney schon immer da war.
Ich bin 1981 geboren, da war der schon zum ersten Mal fast wieder weg vom
Fenster. Und der hat, finde ich, ein paar der wichtigsten Songs aller Zeiten
geschrieben oder mitgeschrieben oder mitperformt. Hat ja ein Genre quasi
mitgegründet. Ich war jetzt nie ein
großer Beatles-Fan, aber ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass Vieles
heute nicht so klingen würde, wie es klingt, wenn es die Beatles nicht gegeben
hätte. Das ist das Bild. Der war schon immer da und wenn der irgendwann mal
stirbt, ist das ungefähr so, wie wenn jemand erzählt, dass die Elefanten sind
ausgestorben oder dass es jetzt übrigens keine Sonnenblumen mehr auf der Welt
gibt. Also so völlig eine absurde Vorstellung. Irgendwas ist einfach weg, was
schon immer da war und schon immer da sein wird. Und wenn das irgendwann
passiert, möchte ich halt an der Hand dieser Person gemeinsam heulen und
betrauern, dass dann doch irgendwann alles zu Ende geht.