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Interview Kai Wingenfelder 2026.
Wer hätte gedacht, dass die Karriere der Hannoveraner Fury in the
Slaughterhouse noch einmal zu solchen Höhenflügen aufbrechen würde? 2008 hatten
sie ihren Abschied angekündigt, 2021 waren sie mit „Now“ wieder da! Und mit
„Changes“ veröffentlichen sie jetzt nicht nur bereits ihr drittes Album nach
der Rückkehr, sondern feiern größere Erfolge als jemals zuvor. Wir sprachen
darüber mit Sänger und Frontmann Kai Wingenfelder.
„Changes“ ist ein mutiger Titel. Was sind das für Veränderungen?
Kai Wingenfelder: Naja, wir haben ein Fable für kurze Titel, bis auf eine Ausnahme haben wir
das auch immer geschafft. Entsprechend hieß das erste Album nach unserer
Rückkehr „Now“, das zweite „Hope“, weil wir das Gefühl hatten, dass es das ist,
was dieses Land am meisten braucht. Unser neues Album heißt „Change“, weil es
einfach ein paar Veränderungen gegeben hat, unter anderem auch, was die
Aufnahmen betrifft.
Apropos „Hope“: ihr engagiert euch bei euren Tourneen explizit für
gemeinnützige Organisationen ein, bekommt ihr das Feedback, das das ankommt?
KW: Wir haben
uns schon immer für diese Organisation eingesetzt und unterstützen z.B. Sea
Sheperd, Lebenstraum, DKMS u.a., und bei den kleineren macht das sicherlich noch
einmal einen größeren Anteil aus. Ärzte ohne Grenzen sind da relativ stabil in
den Einnahmen, kleinere Unternehmen wie Commune profitieren von diesem Einsatz
noch viel mehr. Und wenn es nicht direkt durch unser Engagement kommt, so geht
es ja vor allem auch darum, mediale Aufmerksamkeit für diese Organisation zu
erreichen, und das gelingt uns auf jeden Fall.
Aber zurück zu den Changes: Veränderungen gab es u.a. bei den Aufnahmen,
hörte ich.
KW: Ja, wir
haben uns dieses Mal mit Vincent auf einer dänischen Insel im Studio getroffen
und uns komplett auf die Aufnahmen konzentriert. Dabei sind kompletten Songs
mit sieben Leuten im Studio kreiert und aufgenommen worden, das hatten wir so
noch nicht. Sonst sind wir immer mit Ideen ins Studio gegangen, dieses Mal ist
das komplett als Gruppe entstanden.
Wie lange waren die Aufnahmen?
KW: Einmal vier
und einmal fünf Tage, und dabei sind alle Songs des Albums entstanden.
Inklusive der Texte oder gibt es ein Büchlein, in dem du Text-Ideen
sammelst?
KW: Es gibt so
ein Büchlein, aber ich habe es diesmal nicht benutzen müssen. Da stehen noch
alle Wörter, Satzfragmente und Textzeilen genauso drin wie vorher.
Das könnte ein Grund sein dafür, dass es ein paar autobiografische Texte
gibt, oder? „Years of Thunder“, „9 Lives“, das sind ja schon Texte über die
Band oder?
KW: Ja, absolut.
Wir haben die neun Leben der Katze, wobei im deutschen sind das ja eigentlich
nur sieben, aber im englischen sind es neun. Und fünf davon haben wir jetzt
schon, also haben wir noch ein paar übrig.
Mit „Viva la Revolucion“ habt ihr ein klares, politisches Statement!
KW: Das ist ein
ziemlich deutliches Statement, ja, und mir wurden nach der Veröffentlichung auf
Facebook auch alle meine vier Konten gesperrt! Das hat Herrn Zuckerberg wohl
nicht so geschmeckt. Die Textpassagen sind eigentlich komplett aus
Audioaufnahmen von CBS und ähnlichen Quellen.
Aber ihr konntet es euch offensichtlich nicht verkneifen?
KW: Nein,
eigentlich haben wir auf jedem Album zumindest einen politischen Kommentar zu
Welthemen. Und wenn man Zuckerbergs Reaktion sieht, scheint es zumindest ja
irgendjemanden auch zu interessieren.
Gibt es einen weiteren Song, der dir besonders viel bedeutet?
KW: Ja, „Believe“.
Er beschreibt mein Verhältnis zur Religion. Ich beneide manchmal Menschen, die
glauben können, weil es vieles für sie einfacher macht. Sie haben einen Glauben
und damit etwas, woran sie sich festhalten können, und so gesehen würde ich
auch gerne glauben können. Aber angesichts der Krisen und Auseinandersetzungen,
die im Namen von Religion ausgetragen werden, gelingt mir das nicht. Davon
handelt dieses Lied.
Wobei man auch denken könnte, dass die Leute, die glauben können,
vielleicht auch nur nur einfacher denken, und deswegen haben sie es leichter
KW: Ja,
interessante Idee, aber es gibt auch viele sehr intelligente Menschen, die
glauben. Ich kann es
nicht.
Ketzerische Stimmen behaupten, neue Alben sind nur zum Selbstzweck und um Touren ankündigen zu können, gefeiert wird mit den Klassikern. Wie ist das bei euch?
KW: Als wir uns entschieden hatten, dass wir einfach noch mal was zusammen machen, hatten wir ein Konzert in Hannover geplant. Da kamen 25.000 Menschen. Ein Jahr später haben wir gesagt, das probieren wir noch mal und auch das war genauso angesagt. Also wollten wir das Ganze erweitern, aber da sagte unser Tour Promoter: nur mit neuem Album. Also haben wir ein Album gemacht und sind seitdem erfolgreicher als jemals zuvor. Unsere Single „9 Lives“ ist die erfolgreichste unserer gesamten Bandgeschichte. Früher machte man Tourneen, um Platten zu verkaufen, heute macht man Platten, um auf Tour gehen zu können.
Apropos, erfolgreiche Singles: „Lost and Found“ ist relativ Poplastig, habt ihr Ambitionen noch neuen Grund zu erforschen?
KW: Natürlich, immer. Ich bin offen für alles. Und meine Frau liebt die Achtziger und die Neunziger, und der Song beginnt ja sehr in diesem Stil. Genau so haben wir einen Folk-Song, unsere Hommage an die Pogues, die uns mal im Vorprogramm mit auf Tournee genommen haben. Und so haben wir unsere Alben schon immer sehr abwechslungsreich gestaltet.
Hattet ihr gedacht oder gehofft, dass euch Fury noch mal so in Aktion bringen würden?
KW: Wir haben zumindest immer gedacht, dass da noch einiges möglich ist. Also nehmen wir die Dinge, wie sie kommen.
Und offensichtlich müssen andere Projekte dafür weichen, so wie dein Wingenfelder Projekt zusammen mit deinem Bruder. Das gilt offiziell als beendet?
KW: Das ist offiziell beendet ja. Ich bin komplett ausgelastet mit Fury und möchte ja auch noch ein bisschen Zeit mit meiner Familie verbringen. Und mit Christoph habe ich das Duo Die Desinfizierten Zwei, da spielen wir in ganz kleinen Clubs und das werden wir auch noch weiter machen. Thorsten macht jetzt Musik mit seiner Frau, das ist auch total schön.
Gehst du heute anders mit deiner Stimme um?
KW: Ich singe heute besser und fühle mich deutlich wohler damit. Ich hatte lange Zeit, mit dem Thema Angst zu tun, z.B, Angst, Texte zu vergessen, womit ich mich immer total unter Spannung gesetzt habe.
„Wozu du auf deinem Soloalbum „Alone“ ja auch einen sehr intensiven Song geschrieben hast. Das muss eine sehr anstrengende und stressige Zeit gewesen sein!“
KW: Ja, und mit meinen Solotourneen und mit Wingenfelder habe ich endlich Spaß auf der Bühne gefunden. Ich habe mir aus einer Monitor-Box einen eigenen Teleprompter gebastelt, mit dem ich die Texte zumindest in Griffweite hatte, das hat sehr viel Druck von mir genommen. Mittlerweile hat ja fast jeder sowas mit auf der Bühne. Das bringt ungemein viel und man kann sich entspannter auf das konzentrieren, worauf es auf der Bühne ankommt. Deswegen fühle ich mich heute viel wohler auf der Bühne.
Mit Wingenfelder seid ihr auch durch die kleinen Clubs getourt u, wie das Pumpwerk, ist es anstrengender, viele kleine Konzerte zu spielen?
KW: Mit Wingenfelder haben wir vor allem alles selbst organisiert, haben uns um unsere Musiker selbst gekümmert, um die Abrechnungen und die Buchungen und haben sehr viel Zeit auf den Autobahnen verbracht. Wenn wir mit Fury Touren, wird uns das alles abgenommen, wir werden gefahren und können uns auf die Konzerte konzentrieren. Das ist deutlich einfacher.
Dafür sind die Arenen deutlich größer.
KW: Natürlich ist es schön, in kleinen Clubs zu spielen und mit den Leuten direkt kommunizieren zu können, aber auch bei den großen Konzerten feiern wir mit Fans und Freunden und das macht genauso viel Spaß.