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Interview Kai Wingenfelder 2007
Ihrem relativ
regelmäßigen Veröffentlichungsmodus folgend haben die Hannoveraner Furies Ende
letzten Jahres lieber ein neues Album veröffentlicht, anstatt sich um ihren
anstehenden Bandgeburtstag zu kümmern. Und passend zur Veröffentlichungsroutine
berstet "Every heart is a revolutionary cell" nicht gerade über an
Überraschungen. Vielmehr überrascht es durch seine Frische und Direktheit, und
beweist, dass Fury auch knapp vor ihrem 20. Bandjubiläum immer noch eine Größe
für sich sind. Sänger Kai Wingenfelder erklärt seine Sichtweise über zwei
Jahrzehnte in der deutschen Rockszene
Das neue Album hat ja
einen recht offensiven Titel: "Every heart is a revolutionary cell" – kann
man den auf Fury beziehen?
Weiß ich gar nicht. Es ist eine Textzeile aus dem Album und ein
schöner Titel. Ich weiß nicht, ob wir je eine revolutionäre Zelle in der
deutschen Rockmusik waren – zumindest hatten wir diesen Anspruch nie, das wäre
wohl etwas übertrieben. Wir haben einfach gemacht, was wir am besten konnten
und haben nie die Schnauze gehalten.
Positiv könnte man die Songs auf dem neuen
Album beschreiben als "ihr kennt euren Stil und wisst, was die Fans von
euch erwarten".
Ob wir wissen, was die Fans erwarten, würde ich gar nicht
mal sagen, und ich glaube auch nicht, dass wir uns danach richten würden. Aber
wir kennen unseren Stil, und wir schreiben unsere Songs so wie wir schreiben.
Wir könnten uns auch mit jedem Album versuchen, neu zu erfinden, aber das
entspricht nicht unserem Naturell. Das mag man uns vorwerfen, aber ich denke,
innerhalb unserer Parameter bewegen wir uns schon, und vor allem produzieren
wir eben nicht nach dem Gusto unserer Fans, sondern haben Fans, die mögen, was
wir machen. Aber es stimmt schon, dass das neue Album schon so etwas wie eine
Rückkehr zu unseren Wurzeln ist.
Helfen Euch Eure Soloprojekte, die
Exerimentierfreudigkeit auf anderem Gebiet auszuleben?
Auf alle Fälle helfen sie, dass wir uns austoben können. Ob
der Fury-Sound jetzt ohne diese Ventile anders wäre, kann man nicht sagen, aber
es wäre bestimmt noch viel schwieriger, einen gemeinsamen Konsens für eine neue
Platte zu bekommen.
Immerhin hattet Ihr ja früher durchaus größere
Extreme, was verrückte Ideen angeht.
Ist das so? Klar gab es "Pussycat", aber dafür
gibt es jetzt ein "Hippy Happy" – irgendwas ist da immer, was ein
bisschen experimentell ist. Aber das ist die Band. Die Band hat eine Ader,
Blödsinn zu machen, und das find ich auch ok so.
Seid ihr immer noch der wilde Haufen Chaoten,
den dieser Song anzudeuten scheint?
Ja! Die Blödelei haben wir nicht verlernt, das muss schon
sein, dass wir auch mal über die Stränge schlagen. So ein bisschen Kind muss
man sich erhalten.
Kann man sich dieses Kind erhalten, oder macht
man sich das mit einem solchen Song auch einfach vor?
Ich denke, ein Album ist immer das Best-of von dem, was wir
als Status Quo einer gewissen Zeit abliefern. Da sitzt man nicht, und sagt,
jetzt brauchen wir aber noch so einen Song oder so einen. Wenn so ein Song
nicht da ist, dann ist es eben so. Das ist die ehrliche Variante.
Wenn Du das schon so ausdrückst: Sieht man in
den Alben eine Entwicklung der Band? Ihr hattet ja durchaus z.B. auch popigere
Phasen.
Ich glaube, dass das Strömungen der Zeit waren und genauso
auch abhängig von den Leuten, die in der jeweiligen Zeit federführend für die
Songs waren. Außerdem hatten wir anfangs verschiedene Produzenten, die immer
auch einen großen Einfluss auf die Platten hatten, das darf man nicht
unterschätzen. Und wie gesagt: Ich glaube, dass die Band mit den letzten beiden
Album sich im Grunde genommen etwas zurück entwickelt hat auf die Werte, die
für uns wichtig sind. Wir reduzieren uns jetzt auf´s Maximum. Ich muss ja
gestehen, das ich ganz gerne experimentiere, aber bei sechs Leuten ist es eben
schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und wenn dann noch ein Produzent
dazukommt, der was ganz anderes denkt, ist es eben noch schwieriger.
Wie siehst Du denn eure frühen Alben heute?
Sie waren die Zeugnisse unseres Daseins, ich find sie ok.
Sie sind sicherlich teilweise etwas wilder, ungestümer, aber wir waren ja auch
deutlich jünger. Ich glaube wir müssen uns vor nichts, was wir da gemacht
haben, verstecken. Es war eine lustige Zeit, und ich bin froh, dass ich daran
teilhaben konnte.
Ihr hattet verschiedene Phasen auf dem Weg vom
Underground zur Spitze der deutschen Rockmusik, habt euch zwischendurch ein
bisschen rar gemacht, weil ihr versucht habt, im Ausland zu landen, gibt es
Entscheidungen, die du heute bereust?
Es gibt ein paar Sachen, die anders gelaufen wären, wenn wir
uns anders entscheiden hätten. Wenn wir z.B. länger in Amerika geblieben wären,
hätten wir noch mehr als 100.000 Platten verkauft, haben wir aber nicht. Dafür
gibt´s eben hier und da noch eine Ehe, die noch hält. Ansonsten waren die
meisten Sachen ok, denke ich. Wir hatten viel Glück, haben unsere Erfahrungen
gemacht.
Wie bewertest Du den Wechsel zu EMI?
Das war eine der Erfahrungen. Manchmal muss man auch
italienische Angebote annehmen. War vielleicht menschlich nicht das Beste, was
wir hätten tun können, aber auch da weiß man nicht, wie es anders gelaufen
wäre. Wenn wir bei SPV geblieben wären, hätten wir uns vielleicht in die Haare
gekriegt und aufgelöst. So haben wir uns in die Haare gekriegt, waren aber
gezwungen, das durchzuziehen. Und haben überlebt.
Mit Millionen verkaufter Platten ist es auch
schwer, nach Fehlern zu suchen…
Es sind zwanzig Jahre geworden, das muss man auch erst
einmal schaffen.
Letztes Jahr wagte Euer Schlagzeuger Rainer
Schumann noch keine Prognose über das Jahr 2007 hinaus – ist das mittlerweile
anders?
Es ist immer schwer zu sagen, was noch passieren wird. Auf
jeden Fall wird es eine Tour geben, bestimmt auch noch eine Akustik-Tour, weil
die totalen Spaß gemacht hat, aber es wird bestimmt auch einen Break geben, was
ein neues Album angeht. Da hat sich zu viel getan auf dem Plattensektor. Da
wird man erst mal sehen müssen, aber die Band wird sich nicht auflösen, das
glaube ich nicht. Dafür macht es einfach zu viel Spaß. Aber eine Inspektion ist
bestimmt auch mal nötig.
Ich muss noch einmal auf das neue Album zu
sprechen kommen. So richtig euphorisch scheinst Du nicht zu sein, oder?
Für mich ist es das neueste Album, nicht mehr und nicht
weniger.
Reicht das?
Warum sollte ich von jedem neuen Album als dem besten und
wichtigsten sprechen. Dafür ist man eh noch zu dicht dran. Den Wert wird erst
die Zeit bestimmen. Es ist doch nur wichtig, was ist drauf und mögen es die
Leute oder nicht. Ist es ein Album mit Songs, die irgendjemand braucht, oder
nicht? Weil sonst hätte man sich das auch sparen können.
Aber muss man nicht mit jedem Album versuchen,
das bestmögliche zu erreichen?
Ja, das ist es ja auch, aber das heißt ja noch nicht, dass
man das auch erreicht. Für mich ist ein neues Album mehr ein Spiegel der Zeit –
wer Regie führt, wie es den Jungs geht.
Das heißt, die Band ist nicht auf ihrem
kreativen Höhepunkt?
Hast Du das Gefühl? Ist das neue Album unkreativ?
Songs zu schreiben
ist immer ein Zeichen für Kreativität, die rund 99% der Bevölkerung schon mal
nicht haben, aber ich halte es eben nicht für einen kreativen Höhepunkt. Das ist aber mein subjektiver Eindruck – müsste da die Band nicht anders
zu stehen?
So lange es die Band gibt, gab es noch nie ein Album, mit
dem man voll zufrieden war, und das ist auch gut so. Man mag das Album, wenn es
fertig ist, aber es gibt immer Kompromisse. Es ist einfach sehr schwierig, die
Geschmäcker der sechs Mitglieder unter einen Hut zu bringen. Wir können wir nur
tun, was wir machen, und das so gut wie möglich, und entweder die Leute mögen
es, oder nicht.
Hast Du ein Lieblingsalbum?
Das wechselt zwischen Mono und Brilliant Thieves. Aber wann
immer ich durch ein altes Album gehe, fällt mir auf, dass es auf wirklich jedem
Album gute Sachen gibt. Sogar auf "Nowhere fast", das nun wirklich
ein Album war, bei dem man sich fragen könnte, was haben wir denn da gemacht,
gibt es gute Songs. Aber das ist wie bei Wein – wenn Du ihn zu früh aufmachst,
ist er schlecht, machst Du ihn später auf, ist er gut, dann darf man ihn wieder
drei Jahre gar nicht aufmachen, sonst ist er schlecht, und wenn Du ihn dann
aufmachst, ist er der Hammer. So geht es mir mit Musik. Wenn ein Album fertig
ist, bin ich manchmal noch nicht voll zufrieden weil es doch anders ist, als
ich gedacht hätte, aber man kann so ein Ding auch nicht ewig vor sich
herschieben, das geht nicht. Wenn es fertig ist, muss es auch raus, sonst
reitet man so ein Ding kaputt.
2007 ist Euer Jubiläumsjahr - was ist geplant?
Wir wollten erst eine Riesentour fahren, aber jetzt sieht es
wohl so aus, dass es eine Best-of mit 4, 5 neuen Songs gibt und einer DVD, die
wir aber erst noch produzieren müssen, und dann planen wir eine kleine Spaß-Tour
durch die Mini-Clubs, in denen wir auf unserer allerersten Tournee gespielt
haben, also ganz kleine Clubs, mit all den Leuten, die uns damals begleitet
haben und mit einem 2 ½ Stunden Wunschkonzert für die Fans. Und im Endeffekt
spielen wir dann 2008 komplett durch – mit Festivals, Akustiktour, großer Tour
– und wahrscheinlich dauert´s auch so lange, bis wir die DVD fertig haben…
Ein arbeitsreiches Jubiläumsjahr also, von dem
die Fans aber zunächst nicht viel haben werden…?
So sieht es aus. Aber wir machen mittlerweile eben auch
alles selbst, haben außerdem Verpflichtungen mit unseren anderen Projekten, und
dann will eben auch alles gut geplant sein.
Ich würde gerne noch
auf Dein "Home"-Projekt zu sprechen kommen, dass Du Anfang des Jahres
mit viele befreundeten Musikern für ein Projekt in Thailand veröffentlicht hast
– da gab es gerade die Eröffnung des Dorfes, für das Ihr das Album aufgenommen
habt – gibt es da noch weitere Pläne?
Ich war gerade da zur Eröffnung und habe den zweiten Teil
der Dokumentation aufgenommen. Und im nächsten Jahr wird es das ganze als
Klassikadaption mit dem Niedersächsischen Staatsorchester geben. So ist der
Plan. Das wird also auf jeden Fall noch weiter gehen. Denn abgesehen davon,
dass ich denke, dass das ein zeitloses Album geworden ist, müssen ja auch die
Dörfer noch ein paar Jahre weiter unterstützt werden.
Hat das Dorf die Dimensionen angenommen, die
Ihr Euch vorgestellt habt?
Es ist größer geworden: Ein Riesen-Schulkomplex mit
integriertem Amphitheater, der Unicampus ist direkt angeschlossen, so dass das
ganze eine sehr eindrucksvolle Anlage geworden ist.
Die bist der Initiator, wie bist Du auf die Mitwirkenden
gekommen?
Ich habe mich erstmal um ein Team bemüht, mit dem die Arbeit
auch klappen kann – denn wenn man so unter Zeitdruck etwas auf die Beine
stellen will, dann braucht man gute Bedingungen, dann habe ich mir die
Ausrüstung für ein komplettes Studio sponsoren lassen, bin rübergeflogen, aufgebaut,
und am nächsten Tag kamen die Musiker. Und innerhalb von 12 Tagen haben wir die
Songs für das ganze Album geschrieben und aufgenommen.
Warum war es so wichtig, dass man alles da
macht?
Weil die Kinder mit auf dem Album zu hören sind, genauso wie
auch thailändische Musiker. Aber es war mir auch wichtig, die Energie des Ortes
einzufangen. Astrid (North; Cultured Pearls; Anm. d. Red.) ist selber Mutter,
ich bin Vater, wir waren so ergriffen, als wie da waren, das war wichtig für
die Songs.