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Interview des Monats: Grim104 :
Mit den beiden
Singles "Artist Dinner mit dem Crazy Frog" und "Nie So
Cool" hatte er es angekündigt, nun erscheint das neue Album "No
Country For Old Grim" am 27. März 2026. Und einmal mehr gibt der
Ex-Zeteler Mittdreißiger Einblick in seinen Kochtopf der Emotionen, das
Rattenrennen der Musikindustrie bzw. den Eimer voller Krabben aus dem nur
wenige schaffen, auszubrechen. Womit sich der Rest zwangsläufig der Sinnfrage
hingeben muss, ob man auf dem richtigen Weg ist. Oder ob man (noch) am
richtigen Ort ist.
Außerdem der Live-Tipp:
No Country For Old Grim Tour 2026: u.a. 23.04.2026 – Bremen, Lagerhaus
Habe ich die Texte
richtig verstanden? Ist dies dein Von-Berlin-zurück-nach-Friesland-Album?
Also eigentlich bin ich rangegangen an dieses Album mit der
Prämisse, das wird auf jeden Fall mein Großstadtalbum. Es ist allerdings dann
wahrscheinlich so in den letzten zwei Jahren, also seit ich so gedanklich an
dieser Platte arbeite, öfters mal vorgekommen, dass ich aus biografischen
Gründen wieder in Zetel, bzw. Friesland war und mich nochmal irgendwie intensiv
damit beschäftigt habe, wo ich herkomme und an welchem Punkt in meinem Leben
ich jetzt bin. Und ja, zumindest ab und zu mal so das Gedankenspiel zugelassen
habe, was wäre denn jetzt, wenn ich zurück in den ausgebauten Dachboden bei
meinen Eltern wieder einziehen muss.
Zum Beispiel, wenn
ein gesundheitliches familiäres Problem dich dazu zwingt- Ich meine, ein
Schlaganfall ist schon ein recht krasses Beispiel…
Ja, ja. Aber meine Mutter ist gesund und munter. Das ist
mein Spaß am sich Sachen ausdenken.
Oder dass die eigene
Tochter einen dazu bringt, darüber nachzudenken, ob die Stadt das richtige
Pflaster ist…
Ja, auch das liegt nahe, aber um ehrlich zu sein, ich wohne
auch schon sehr gerne in der Großstadt, und das seit fast 20 Jahren. Irgendwie
kann ich es mir jetzt nicht mehr vorstellen, wieder zurückzuschrumpfen. Es gibt
Leute, die finden eine Stadt für ein Kind unvorstellbar und ich bin ja auch auf
dem Land aufgewachsen. Aber ich muss sagen, ich finde auch, dass auch eine Stadt
einfach wahnsinnig viele Möglichkeiten hat, für junge Leute irgendwie
interessant und mit spannenden Sachen aufzuwachsen.
Zurückzuschrumpfen?
Ey! Ich meine, wir haben hier auf dem Land zumindest optisch grenzenlose
Freiheit! Du wohnst zwischen Hochhäusern!
Klar, ich bin umgeben von Hochhäusern, aber ich bin auch
umgeben von Theatern, Jugendzentren, Angeboten, anderen Leuten. Also es ist
nicht so, also ich will gar nicht sagen, dass es das nicht in Friesland auch
gibt, aber es ist eben auch nicht so, als wäre Berlin jetzt ein Ort, in dem es
das nicht gibt und in dem das irgendwie undenkbar ist, ein Kind aufzuziehen.
Wenn ich an deinen
Auftritt beim WES_25 zurückdenke – und den Anfang deines neuen Albums höre:
Woher kommt diese Aggressivität in deinem Vortrag?
Ich nenne das lieber Dringlichkeit. Ich finde, dass wenn man
den Leuten was mitteilen will, dann ist es manchmal auch nicht verkehrt, die
Leute am Kragen zu packen. Ich finde das auch gerade für so Live-Ansätze immer
ganz gut, um so den Funken überspringen zu lassen. Ich bin halt nicht so der
Singer-Songwriter-Typ, der da so verhuscht auf der Bühne in der hinteren Ecke
sitzt, sondern ich mag das auch gerne, mich irgendwie mitzuteilen und da muss
man manchmal dann ein bisschen lauter werden.
Das Album war
ursprünglich schon für letzten Herbst
angekündigt…
Joah, das hilft einfach erstmal, sich selber eine Deadline
zu geben. Aber ich bin ja, wenn man das jetzt positiv ausdrücken will, befreit
von irgendwelchen Releasedaten. Ich kann mir das ja alles so ein bisschen
selber ausdenken, bzw. ich mach das halt alles selber. Und wenn es dann doch
nochmal länger braucht, den einen Song noch fertig zu machen, dann kann sich
das auch nochmal so ein bisschen schieben.
Wie autobiografisch
sind deine Texte?
Naja, „Hinter dieser Tür“ ist ja schon ein sehr eindeutiger
Trennungssong. So diesen Teil meines
Privatlebens habe ich sonst eigentlich immer gerne rausgehalten aus der kleinen
Öffentlichkeit, die ich habe.
OK, was ist noch
anders auf dem neuen Album?
Ich hatte irgendwie noch mehr Bock, mich auszuprobieren. Ich
habe auf diesem Album Spaß, mal so ein paar Namen zu nennen und mich so ein
bisschen auszukotzen und abzufucken. Und das habe ich mich vorher auch nicht so
getraut. Aber habe irgendwie gedacht, ah, es gehört auch irgendwie zu Hip-Hop
dazu, mal ein paar Schüsse zu schießen. Irgendwie ist es auch in Ordnung. Und
es sind einfach deutlich mehr Songs geworden.
Sonst fand ich immer, zehn Songs sind das perfekte Albumformat, aber ich
merkte, ach, irgendwie habe ich einen ganz guten Run und kann auch mal 14 Songs
machen. Und natürlich, was auch ganz anders ist, als bei allen anderen
vorhergegangenen Alben, es gibt deutlich mehr Features, ich habe deutlich mehr
Leute gefragt, ob sie Lust hätten, mit mir einen Song zu machen.
OK, dann lass uns
drüber reden. Ich habe mir ein paars Songs rausgepickt. „Haus in Lübars“? Wo
ist das?
Lübars ist ein sehr grüner Stadtteil von
Berlin-Reinickendorf. Das ist so quasi das Zetel von Berlin, sehr ländlich mit
vielen Pferdehöfen und so weiter und so fort. Und stand für mich immer so als
Antibiotikum. Ist so gerade noch in Berlin, der nächste Ort ist dann schon in
Brandenburg und das stand für mich immer so sehr sinnbildlich für gemütlich und
so ein bisschen auf dem Land
„Mantra“: Du würdest
nicht wirklich einen Majordeal ausschlagen, oder?
Nee, das ist so magisches Denken von mir. Ich muss nur laut
genug sagen, nee, ich habe gar keinen Bock drauf, dann führt das magisch dazu,
dass man vor die Versuchung gestellt wird. Und sollte ich dann nochmal
vorgestellt werden, na klar, mache ich das mit Handkuss, wenn der Vorschuss
stimmt.
„Artist Dinner Mit Dem Crazy Frog“: beziehst
du dich da auf deine Beziehung zum Frosch?
Ja, ich hatte den Song „Frosch“, der wandert öfters mal so
durch mein musikalisches Schaffen. Aber das sind jetzt hier gerade wirklich
zwei unterschiedliche Frösche. Also das eine ist der Frosch, der bei uns am
Teich gequakt hat. Und der Crazy Frog ist auf jeden Fall eher der abgefuckte
Musikindustrie-Frosch, der im Grill Royale kurz für fünf Minuten auf Toilette
verschwindet und dann wieder mit aufgerissenen Augen zurückkommt. Das ist eine
Zustandsbeschreibung der deutschen Musikindustrie, in der sich immer alle
gegenseitig vergewissern, was sie für große Musikfans sind und dass es doch
eigentlich um die Kunst geht. Aber am Ende ist es dann doch wichtiger, was die
Zahlen bei Spotify sagen. Und wenn es dann eine neue Crazy Frog Single ist,
dann mag die Musik zwar trash sein, aber hast du mal die Zahlen gesehen? (lacht)
in „MF Doom“ kommst
du drauf zurück.
Ja, da ist es noch mal deutlich mehr Real Talk. Also da ist
es wirklich so echt der Schmerz darüber, wie anstrengend manchmal so dieses
Rattenrennen Musikindustrie ist und immer sich zu vergleichen und immer weiter hecheln
irgendwie wie ein Rattenrennen. Viele Krabben in einem Eimer, die versuchen,
aus dem Eimer rauszukommen. Und das habe ich zu dem Zeitpunkt, als ich das
geschrieben habe, auf jeden Fall sehr schmerzhaft in mir gespürt – als ich mal
wieder eine fette Steuernachzahlung hatte.
Die erste fette
musikalische Überraschung gibt es in „Hinter dieser Tür“. Und eine erste der Kollaborationen.
Wer ist Crimson Bloom?
Eine junge Band aus Düsseldorf, die bestimmt irgendwann mal
Megastars werden, habe ich so im Gefühl. Und wir haben gemeinsame Bekannte und
dieser gemeinsame Bekannte meinte, hey, das wäre doch eine schöne Stimme für so
einen todtraurigen Love-, bzw. Trennungssong. Und wollte auch gerne so einen
Sisters of Mercy-artigen Refrain, deswegen habe ich mit meinem Produzenten, in
dem Fall Silkasoft, auch so ein Wave-/80er-Feeling.
Gleich danach die
nächste Überraschung. Bist du „Unvernünftig“?
Also gerade wenn ich das so im Vergleich jetzt zum Beispiel
mit vielen Leuten, mit denen ich eine gewisse Realschule in der friesischen
Wehle besucht habe, denke ich mir manchmal, meine Güte, die haben so ihren Shit
together, wie man so schön sagt, haben alles so schön auf die Reihe gekriegt
und ich jage immer noch so unvernünftigen Thrills hinterher. Und ja, ich hab
schon einen Hang zu Impulskäufen der unvernünftigen Natur, der unvernünftigen
Art. Und ich mag gerne schöne, glitzernde Dinge irgendwie und finde, ja, sollte
mich eigentlich besser um meine Rente kümmern, als ich es tue und weniger, weiß
ich nicht, Geld für Klamotten oder Autoteile aus Japan ausgeben. Aber so ganz
bin ich da noch nicht angekommen.
Aber immerhin hattest
du dann die Thrills…
Ja, das stimmt. Aber ich hoffe, dass ich mir das dann immer
noch denken kann, wenn ich dann in 20 Jahren irgendwie den finalen
Rentenbescheid kriege.
Und wer ist die
gefeaturte Katanna?
Katana ist eine junge Rapperin aus Dortmund bei Patina
Records, die werden auch Megastars,
prophezeie ich jetzt mal.
Alles
Konkurrenzkrabben im Eimer!
Die sind nochmal in einem anderen Eimer. Aber ich bin mir
sicher, dass diese Krabben es raus aus dem Eimer schaffen.
Es bleibt
abwechslungsreich: „Zum Griechen“!
Ja, zum Griechen! Das ist einfach ein Song über die Freuden
eines Restaurantbesuchs, eines griechischen Restaurants auf dem Lande, wo man
vom Wirt wie von einem alten Freund gegrüßt wird, auch wenn man sich vorher
noch nie gesehen hat. Es ist natürlich ein total depressiver Song über das
Depressivsein eigentlich und über ganz schreckliche, enge Lebensumstände, die
aber halt vom Wochenend-Restaurantbesuch mit Ouzos aufgelockert werden.
Ein Hammersong! Erst
reibt man ja verwundert, aber so ein Ding muss man auch erstmal bringen!
Ja. Dankeschön. Manche sagen so, manche sagen so. Aber ich
mag den auch gerne, auch in dieser Mischung. Ich mag auch gerne Humor und ich
mag gerne Tragik und wenn Sachen so verschiedene Ebenen haben. Und das ist
irgendwie mir hier ganz gut gelungen, das so zusammenzufügen. Ein trauriger
deprimierender Song, der eben auch witzig ist.
Nächster Knaller:
„Kirche & Kneipe“. Megasong!
Dankeschön, ja. Ja, ich habe ja auch Bock, mich
auszuprobieren oder mit Leuten zusammenzuarbeiten, die das können und die die
Kapazität in der Stimme haben, um das eben viel lieblicher und viel schöner
klingen zu lassen. So wie hier Josi Miller.
Jetzt stapel nicht zu
tief, denn es folgt „Monstera“! Und da singst du plötzlich! Selbst. Und klingst
dabei wie Max Herre! Falls ich das so sagen darf…
Dankeschön. Das nehme ich als Kompliment! Tja, „Monstera“ ist ja so ruhig gesungen, ich
glaube, wenn ich nochmal versuchen sollte, dieses Sing-Ding mehr auszubauen,
dann wäre das der Weg für mich. Aber ich glaube, eine Karriere als Sopranist
oder sowas, das wird es bei mir nicht mehr geben. Leider.
Hmm. Du solltest drüber
nachdenken. Denn gerade diese Elemente machen dieses Album so abwechslungsreich
– und spannend. Und ich find`s auch gar nicht so unpassend!
Nee, überhaupt nicht. Ich finde das auch schön. Also es ist
einfach ein schöner Spannungsbogen.
Welchen Fokus setzt
du auf die Musik?
Ich bin eher textorientiert. Also ich habe meistens
irgendwie eine Textidee und suche dann nach irgendwie dem passenden Beat. Ich
habe halt Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Auf dem Album ist ganz viel
Silkasoft dabei.
Und meinst du nicht,
dass die Musik auch noch ausbaufähig wäre?
Keine Ahnung. Ich habe jetzt keinen Bock, etwas mit einer
Band einzuspielen. Also ich mag schon eher diesen elektronischen Rap-Sound. Da
komme ich her und da will ich eigentlich auch sein. Ich mag´s auch nicht, wenn
Rap-Acts irgendwann beim Sprung auf die ganz große Bühne versuchen, sich mit
einem Live-Drama aufzupusten und nochmal irgendwie so eine ganz vertrackte
Triole spielen. Das ändert den Sound immer so extrem. Es gibt Rap-Bands, wo das
wunderbar funktioniert, wie The Roots – oder auch Max Herre ist ja auch so ein
Hip Hop-Entwurf, wo das gut passt mit einer Band und echten Keys auf der Bühne.
Damit hat er es beim
WES immerhin auf die Hauptbühne geschafft!
Aber das ist nicht so ganz die Schule, aus der ich komme.
Ich mag einfach gerne Beats und elektronische Musik aus einem Computer. So
dieses klassische, ein MC, ein DJ-Setup. Die Vorstellung, dass da jetzt so ein
durchgeschwitzter Studiodrummer sitzt und der kommt dann so mit auf die Bühne,
und versucht dann diese Drum'n'Bass-Breaking Beat zu spielen, das finde ich
schrecklich.
In „Schüsse Auf Den
Listenhund“ gibt es am Ende so eine Drum'n'Bass-Steigerung… eigentlich ganz
cool!
Das heißt auch nicht, dass ich nicht gerne mit richtigen
Musikern in einem Studio arbeite. Also all die Leute, mit denen ich
zusammenarbeite, sind wahnsinnig musikalisch und ich finde auch, dass man das
der Platte anhört. Und vielleicht ändert sich das auch noch mal, je älter ich
werde. Vielleicht komme ich in 20 Jahren auch mit dem total vertrackten Big
Band Album um die Ecke, aber bis dahin mag ich es eigentlich noch gerne, wenn
es so eine gewisse Rohheit hat.
Dabei waren das deine
Anfänge – damals, 2006 beim Vareler Musik-Wettstreit in der Weberei, gemeinsam
mit J.A.M.-Club, Leon Broek, Arne Pargmann, Mirco Wessels – die haben dich
damals auf der Bühne begleitet!
Ja, ja, ja, ja, schön, nachdem ich gerade so abgehatet habe
über Bandbegleitung, kommst du mit so einem Ding. Das war vor 20 Jahren! Auch, weil
ich so dachte, es ist unmöglich, einfach nur als Rapper alleine auf der Bühne
zu stehen. Da habe ich mich noch nicht so wohl damit gefühlt und fand das auch
irgendwie cooler.
Es kommt ja vor allem auch drauf an, ob man eine super
coole, wirklich ausgefuchste Band hätte, die auch gleichzeitig so diese
Hip-Hop-Coolness versteht und nicht einfach nur so steife Musikwissenschaftler,
Musiktheoretiker, dann wäre es vielleicht was anderes. Aber: auch noch ein
Argument, wer soll das Ganze denn bezahlen? Also: Wenn der große Vorschuss noch
mal kommt, dann mache ich es, versprochen.