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Januar 2000
Nach Welthits wie
„Steppin´ Out“ oder „Is she really going out with hin“ schrieb er 1991 mit „Laughter & Lust“,
wie er heute sagt, „sein letztes Pop-Album“ und zog sich zurück. Was folgte,
waren mit „Night Music“ (1994) und „Heaven and Hell“ (1997) zwei Alben, die
eine andere Art Künstler offenbarten. Diese Öffnung neuen und unvorhersehbaren
Musikstilen gegenüber führt der 45jährige Engländer nun weiter. Aufgewachsen
mit Beethoven als Helden und bereits mit 18 als Stipendiat an der Royal Academy
of Music, um Kompositionslehre zu
studieren, veröffentlicht er zeitgleich eine Autobiographie („Ein Mittel gegen
die Schwerkraft“, Satzwerk Verlag, Göttingen, ISBN 3-930333-33) und deren
Vertonung in Form einer Symphonie. Und da „am Vorabend zum 21. Jahrhundert ein
Stück, das in seiner Art symphonisch ist, nicht für ein Orchester des 19.
Jahrhunderts geschrieben werden muss, um als Symphonie anerkannt zu werden“,
schrieb er sein Werk für eine ganz besondere Besetzung. Alle Tasteninstrumente übernahm
er selbst, und ließ sich u.a. von Gitarre (Steve Vai) und Altsaxophon (Wes
Anderson) unterstützen. Ralf Koch im Gespräch mit dem Wahl-New Yorker über ein
sehr ambitioniertes Projekt.
Wie entsteht eines
solche Symphonie?
Es hat sich so entwickelt. Ein solches Musikwerk ist wie ein
Lebewesen. Es beginnt ein Eigenleben zu haben. Der Unterschied zwischen einem
Song und einer Symphonie ist wie der Unterschied zwischen einem Bericht in
einer Zeitung und einem Roman. Die einzelnen Charaktere bekommen ein Gesicht.
Meine Charaktere waren einzelne musikalische Ideen, die ich in das Werk
eingeflochten habe.
Und Sie haben alles
alleine geschrieben?
Ja natürlich. Wen hätte ich denn hinzuziehen sollen?
Nun, es gibt diverse
verschiedene Instrumente, für die ich es mir nicht ganz einfach vorstelle die
gesamte Partitur zu schreiben... spielen Sie alle diese Instrumente?
Nein, aber einige davon. Und man lernt als Komponist, wie
die einzelnen Instrumente funktionieren, was ihre Besonderheiten sind, und wie
man sie einsetzen muss. Dafür habe ich jahrelang studiert.
Und haben Sie ihre
Biographie in der selben Zeit geschrieben, wie Sie die komponiert haben?
Ja, das ist mehr oder weniger, was ich in den letzten 5
Jahren gemacht habe. Nicht durchgehend natürlich, aber es lief parallel.
Sie schreiben in
ihrer Biographie, dass man Musik nicht analysieren kann, gibt es eine
Möglichkeit, die CD zu beschreiben? Ist das die moderne Variante der Klassik?
Ich glaube nicht, dass es klassische Musik ist. Ich habe
nicht versucht, Klassik zu schreiben. Ich würde es eher zeitgenössische Musik
in einer klassischen Form nennen. Mein Manager nennt es eine Mischung aus
George Gershwin und Frank Zappa. Aber da sage ich lieber nichts zu....
Sie haben sogar
erklärende Worte zur Musik der CD beigefügt...
Ja, ich wollte es eigentlich nicht. Der Hörer muss die Musik
auf sich wirken lassen, nicht, was jemand darüber sagt. Schließlich hab ich´s
doch gemacht, weil ich dachte, dass ich hinterher der einzige bin, der nichts
dazu gesagt hat. Und ich sollte doch schließlich eine Meinung dazu haben.
Gibt es Pläne, das
Album auf die Bühne zu bringen?
Nein. Vielleicht eines Tages. Hoffe ich eigentlich, aber ich
weiß es nicht.
Zur Biographie: Haben
Sie die aus eigenen Erinnerungen geschrieben oder hatten Sie Hilfen?
Beides eigentlich. Viele Erinnerungen waren sehr lebhaft.
Aber ich habe auch sehr viele Leute getroffen, all die Leute, die ich in dem
Buch erwähne. Musiker, mit denen ich in den letzten 20 Jahren gearbeitet habe.
Ich habe mit den meisten gesprochen, und sie konnten mir mit ihren Erinnerungen
helfen.
Ist es nicht seltsam,
sein eigenes Leben durchzugehen?
Ja! Aber es ist sehr interessant. Und sehr therapeutisch.
Ich glaube, jeder sollte das machen. Jeder sollte seine Biographie schreiben.
Es muss ja nicht gut geschrieben sein. Man muss es ja auch keinem anderen
zeigen. Aber für einen selbst ist es wichtig.
Und wie ist es dann,
diese Aufzeichnungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Nun, das ist eine andere Sache. Aber mein Leben stand eh
immer ein bisschen in der Öffentlichkeit. Und das Buch ist auch nicht so sehr
meine Lebensgeschichte. Es ist ein Buch über Musik. Trotzdem wusste ich, als
ich anfing zu schreiben, noch nicht, dass ich es mal veröffentlichen würde. Es
entwickelte sich nur dazu. Es wurde immer allgemeiner, handelte immer mehr von
Musik, über Lebensphilosophien als Künstler usw. Und ich begann, es
unterhaltend zu schreiben. Und als die ersten Leute es lasen, sagten alle, es
wäre großartig, dass es gut geschrieben sei und dass es veröffentlicht werden
sollte. Also habe ich das getan.
Gibt es auch Sachen,
die wieder herausgeflogen sind, weil die Öffentlichkeit sie lieber nicht zu
lesen bekommen sollten?
Ja. Schon. Aber sie sind gestrichen worden, weil es besser
war für das Buch. Und ich glaube, dass ich sehr ehrlich war.
Sie haben Ihre CD
„Symphony 1“ betitelt, heißt das, dass es auch noch weitere geben wird?
Ja, ich habe bereits Ideen für eine Nummer 2. Aber vorher
arbeite ich noch weiter an einem anderen Projekt, welches mehr songorientiert
ist, also wird die zweite Symphony noch etwas dauern.
Songorientierter
heißt auch wieder mit Gesang?
Ja. Ich glaube, man könnte es eine Mischung aus „Heaven
& Hell“ und „Night Music“ nennen.
Immerhin schienen Sie
ja mehr in die klassische Richtung zu gehen...
Es gibt keine Richtung, in die ich gehe. Ich bin sehr
unterschiedlich, ich mache nicht nur eine Sache. Manche Menschen scheinen zu
denken, dass was immer man tut immer eine bestimmte Grundlage oder Begründung
haben muß.
Sie würden also keine
stetige Fortsetzung einer bestimmten Richtung von dem fast kammermusikalischen
„Night Music“ über das schon sehr in moderne Klassik gehende „Heaven &
Hell“ zum aktuellen Album sehen?
Nein. Nicht wirklich. Ich glaube nicht, dass ich die
Richtung gewechselt habe. Es ist nur eine Öffnung. Ich komme ja aus der
Klassik. Eigentlich. Und ich habe viele verschiedene Sachen gemacht. Darunter
war eine Zeit, in der ich auch Erfolge in der Popmusik hatte.
Was ja nicht so
schlecht war, oder?
Nein, das wollte ich auch nicht sagen. Hatte Vorteile und
Nachteile, aber die guten Sachen überwiegen schon.
Trotzdem hatten Sie
sich entschieden, sich von dieser Musik abzuwenden.
Nun, ich hatte eigentlich keine Wahl.
Wie bitte?
Es gibt so viele Sachen, die ich nicht kontrollieren kann.
Könnten Sie das
genauer erklären?
Ich habe keine Kontrolle darüber, was Erfolg haben würde.
Ich kann nicht sagen, was andere über meine Werke sagen. Man kann nicht
vorhersehen, was das Radio spielen wird oder nicht. Und ich habe auch keine
Kontrolle über die Ideen, die aus meinem Kopf kommen. Ich glaube, dass man
seinem Unterbewußtsein folgen muss. Wenn ich das nicht mache, wem oder was soll
ich sonst folgen? Der Plattenfirma? Den „Fans?“ Da sagt eh jeder etwas anderes.
Ich will nicht sagen, dass es mir egal ist, was andere sagen, aber ich folge
meiner inneren Stimme. Man kann nicht anfangen, vorherzusagen, was andere
Menschen wollen. Das wäre die „Pop-Mentalität“, und deswegen nenne ich mich
auch nicht einen Pop-Musiker, weil ich nicht wie ein Popmusiker denke. Meine
Musik hat noch immer noch Pop-Elemente, oder man könnte es Popmusik nennen, was
auch immer man will.
Auch das neue Album?
Es hat immer noch Popelemente, wenn man strikt nach dem
Genre gehen will, aber die Mentalität dahinter hat nichts mit Pop zu tun. Ich
meine, als ich „Night & Day“ schrieb, habe ich auch keinen Pop schreiben
wollen.
Und es ist trotzdem
ein großer Erfolg geworden.
Ganz genau. Aber ich war völlig überrascht.
Wie wichtig ist Ihnen
Erfolg? Was verstehen Sie unter Erfolg?
Erfolg heißt für mich, machen zu können, was ich machen will
und genug Geld zu haben, um die Miete bezahlen zu können.
Nun, an dem Punkt
sind Sie ja bereits.
Ja, deswegen nenne ich mich erfolgreich. Ich beschwere mich
ja gar nicht.
Sie sagten, sie arbeiten
zur Zeit an einer wieder eher songorientierten CD. Also haben Sie sich von
dieser Seite des Komponierens noch nicht verabschiedet?
Nein, natürlich nicht.
Anfang der Neunziger
hatten Sie erklärt, mit der Popmusik nichts mehr zu tun haben zu wollen...
Ja, ich wollte diese „Wettbewerbs-Welt“ nicht mehr. Ich
wollte offener werden – und mehr ich selbst sein. Ich war schon immer sehr
vielschichtig interessiert, und hatte mich eine Zeit lang selber eingeengt mit
der Popmusik. Und schließlich habe ich mich entscheiden, mich nicht mehr
einzuengen.
Was war am
schlimmsten für Sie, ein „Popstar“ zu sein?
Man kann es nicht lange durchhalten. Oder nur sehr wenige.
Elton John. Man verzweifelt daran. Erst kommt die Zeit, wo jeder Dich liebt,
weil Du neu bist, modisch, aber nach ein paar Jahren funktioniert das nicht
mehr. Und dann muss man sich weiterbewegen. Und man muss sich die Frage
stellen, was man dann machen will. Ich meine, es gibt eine Menge Leute, die
verzweifelt versuchen, an diesem Pop-Image festzuhalten und immer wieder
Hit-Singles zu schreiben. Aber den wenigsten gelingt das. Und dann verzweifelt
man, anstatt Spaß zu haben. Und ich möchte ein Musikerleben, das Aufregend ist
und bleibt. Ich möchte neue Sachen ausprobieren, statt ein Sklave zu sein.
Sind da noch andere
Sachen, die Sie gerne ausprobieren würden?
Etwas kolaboratives vielleicht. Im Theater vielleicht. Oder
Filmmusiken, was ich ja auch schon gemacht habe.
Aktuelle CD: Symphony No. 1 (Sony Classical)