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Sylvan (2007)
Interview 2007 - Ein älteres Interview von 1999 gibt's hier!
Seit ihrem Debütalbum
"Deliverance" 1999 haben sich die Hamburger Art-Rocker zur
wichtigsten deutschen Band im Progressivrock-Genre gemausert. Anfangs noch mit
stark hörbaren Einflüssen von Bands wie Marillion, IQ oder Arena, konnten sie mit
ihrem Meisterwerk "Artificial Paradise" (2002) ihren eigenen Sound
etablieren und auf ein Niveau schrauben, das auch international für viel
Beachtung sorgte. Im vergangenen Jahr erschien mit "Posthumous
Silence" ein Konzeptalbum von immenser künstlerischer Tiefe, dem Sylvan
jetzt das genaue Gegenteil folgen lassen: "Presets" (offiziell
veröffentlicht am 19.2., bis dahin nur über die Homepage
erhältlich), ein Album, dem die
meisten der sonst für die Band typischen, progressiven Elemente
fehlen. Bandgründer Matthias Harder über die
Hintergründe.
Das neue Album ist
deutlich songorientierter – als das letzte sowieso, aber ich würde auch sagen,
Euer poppigstes jemals, oder?
Ja, auf jeden Fall! Die Grundidee war, dass wir dieses Mal zwei grundverschiedene Alben veröffentlichen wollten. Während wir ja auf unseren früheren CDs immer unsere "beiden Seiten" vermischt haben, wollten wir das dieses Mal bewusst trennen. Mit dem Ergebnis, dass "Posthumous Silence" unser vielleicht ambitioniertestes Album ist, das Konzeptalbum, auf dem wir unsere progressivste Seite herauskehren, während wir unsere andere Stärke, nämlich durchaus auch große Refrains und kompaktere Songs schreiben zu können, eben auf "Presets" festhalten.
Und dementsprechend
habt Ihr die kompakteren Ideen für "Presets" zurück gehalten?
Wir haben beide Alben zur gleichen Zeit geschrieben, aufgenommen und produziert! So konnten wir von Anfang an bei jeder Idee überlegen, welche wir auf welches Album nehmen. Und am Ende mussten wir uns nur noch entscheiden, welches Album wir als Erstes veröffentlichen. Und unsere Wahl fiel auf das Konzeptalbum.
Sozusagen als
Abschluss für alle Prog-Fans, bevor Ihr jetzt richtig erfolgreich werdet…
Nein, nein, man sollte die Alben schon gemeinsam betrachten. Wir hatten ja auch überlegt, ob wir sie zusammen rausbringen – zeitgleich, oder auch als Doppelalbum, aber für uns als kleine Band wäre das finanzieller Selbstmord gewesen, und es wäre auch den Alben nicht gerecht geworden, da sie zwar aus der gleichen Kompositionsphase stammen, inhaltlich aber nichts miteinander zu tun haben! Nein, dies ist ein Experiment, und beim nächsten Album wird das schon alles wieder ganz anders.
Die Produktion ist ja
auch schon eine ganze Weile her, es müsste sich also schon wieder jede Menge
neuen Materials angesammelt haben…
Tatsächlich ist es so, dass wir "Presets" dann doch nicht so gelassen haben, wie es gewesen wäre, wenn wir es vor einem Jahr veröffentlicht hätten. Denn natürlich können auch Sylvan nicht die Füße still halten, und so haben wir noch ein bisschen gefeilt. Wir hatten uns ja zwischendurch komplett der Promotion für "Posthumous Silence" gewidmet und so konnten wir "Presets" auch mit einer gewissen Objektivität betrachten. Im Endeffekt ist dann auch ein Song rausgeflogen und einer noch mit drauf gelandet, den wir anfangs noch nicht vorgesehen hatten – das Titelstück! Den gab es zwar in Grundzügen, der war aber im Prinzip nicht vorgesehen und damals auch noch nicht fertig.
Das Stück also, das
eigentlich schon wieder ein bisschen raus fällt aus der Linie des Albums!
Richtig. Ursprünglich war das Album noch etwas kommerzieller angelegt, auch was insgesamt die Länge der Songs angeht. Aber letztendlich waren wir der Meinung, dass ein Longtrack dem Album nicht schaden, sondern eher gut tun würde. Und kein Sylvan Fan braucht sich Sorgen zu machen, dass sich mit „Presets“ einen radikalten Stilwechsel ankündigt. Dies Album ist das Gegenstück zu „Posthumous Silence“ und auf dem nächsten Album sind beide Stilrichtungen wahrscheinlich wieder vereint!
Und da es die
Pop-orientierte Seite von Euch ja immer schon gab, kann man ja auch mal ein
Album für die machen, die Euch eigentlich deswegen gehört haben...
Es ist in der Tat so, dass wir uns schon lange gesagt hatten, dass wir auch mal ein "Frauen-Album" machen wollten. Einfach weil es total unbefriedigend ist, dass 80-90% der Prog-Fans Männer sind, und das obwohl diese Musik ja hochgradig emotional ist. Ich denke, Prog-Rock ist vielen Frauen einfach nicht „cool“ genug. Ein Faktor, der für viele Frauen eine sehr große Rolle zu spielen scheint. Aber wir sind sehr zuversichtlich. Wir haben "Presets" schon testen lassen, und bislang ist es unser beliebtestes Album – unter Frauen ;-)
Im Prinzip ist
"Presets" auch eher atmosphärischer Rock als Prog – eine Seite, die
eben schon immer vorkam, aber bislang immer durch progressive Elemente ergänzt
wurden.
Wir haben uns bemüht, wirklich kompakt zu sein, und da, wo wir normalerweise noch einen Part ergänzt hätten, einfach darauf verzichtet – was wir als ganz schön befreiend empfunden haben. Wir hätten gar nicht gedacht, dass uns das so viel Spaß machen würde, so auf den Punkt kommen zu dürfen. Auch textlich gibt es dieses Mal kein übergeordnetes Thema, kein Song musste inhaltlich zum anderen passen – auch das war neu für uns.
Eine Band, die vor
allem auf Euren ersten Alben ein wichtiger Einfluss war – Marillion – hat auch
immer wieder mal etwas neues, anderes ausprobiert. Ist das ein Vorbild für Euer
Schaffen?
Es gibt sicherlich viele Ähnlichkeiten zwischen uns und
Marillion. Und das sowohl aus musikalischer, als auch aus organisatorischer
Sicht. Wir scheinen eine ähnliche Auffassung von Musik zu haben, kämpfen beide
für unsere kreative Unabhängigkeit und überraschen den Hörer gerne mit neuen
stilistischen Richtungen. Da Marillion schon ein paar Jahre länger dabei ist,
will ich auch nicht ausschließen, dass sie uns musikalisch in unseren
Anfangstagen geprägt haben. Jedoch sicher nicht in dem Maße, in dem es im
Allgemeinen angenommen wird. Es wird manchen erstaunen, aber ich bin eigentlich
der Einzige bei Sylvan, der konstant über all die Jahre die Entwicklung von
Marillion verfolgt hat. Alle Anderen kennen nur das ein oder andere Marillion
Album.
Wer weiß, was das
neue Album bringt - wärt Ihr bereit dafür, alles zu 100% auf Sylvan
umzustellen?
Ja! Sylvan ist ja jetzt schon mehr als ein Nebenjob. Vom Komponieren, Produzieren und Vermarkten bis hin zum Verschicken machen wir alles selbst. Manches Mal nimmt der administrative Teil schon mehr Zeit in Anspruch, als das eigentliche Musik machen. Was natürlich verrückt ist, aber so haben wir auch alle Freiheiten und das ist das Schöne daran. Hier jetzt noch einen Schritt weiter zu gehen, wäre bei den meisten kein Problem, oder aber nur eine Frage der Organisation.
Und wenn dem so wäre,
würdet ihr ein weiteres Album wie dieses machen.
Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube es nicht. Ich meine, wir machen schon immer, was wir wollen, und das seit 16 Jahren. Ich glaube nicht, dass wir uns von einem plötzlichen Erfolg etwas vorschreiben lassen würden. Jedes Sylvan Album soll wieder etwas anders klingen, als das zuvor. Und so glaube ich eher, dass sich Sound-technisch etwas verändern, sprich verbessern würde. Wir sind zwar ohnehin schon Perfektionisten und verwenden sehr viel Zeit auf unsere Produktion, aber ich hätte auch kein Problem damit noch viel mehr Zeit darauf zu verwenden. Im Moment stehe ich z.B. sehr auf den aufwendigen Sound von Muse, vielleicht wird sich ja auch in die Richtung etwas verändern.
Wenn man das so
planen kann…
Egal was man am Anfang plant, das Resultat ist immer wieder überraschend anders. Bei "X-Rayed" haben wir uns z.B. im Vorfeld vorgenommen, unser schnellstes und härtestes Album zu machen – und es ist im Endeffekt eines unser langsamsten geworden. Und wir wissen nicht, was da schief gelaufen ist. Das Album ist sehr schön, aber es ist eben eher langsam. Seit dem wissen wir, dass man nichts planen kann.
Du hattest es jetzt
schon ein paar Male angedeutet - gibt es denn schon Ideen für das nächste
Album?
Es gibt erste Ideen, klar, die gibt es immer. Aber jetzt ist
erstmal "Presets" dran, und vor Ende des Jahres wird da auch noch
nicht viel mehr passieren. Fest steht aber, dass das nächste Album ein
Live-Album werden wird. Im Idealfall als CD und DVD!
Eure Alben werden
relativ flächendeckend weltweit vertrieben, trotzdem arbeitet Ihr ja komplett
autark. Reicht das? Oder würdet ihr auch einen Labeldeal unterschreiben, um den
Erfolg voranzutreiben?
Ja, klar. Natürlich hinge das vom Deal ab – im Endeffekt ist das ein Rechenexempel, sprich wie viele neue Fans kann man hinzugewinnen, gleicht das den Einnahmeverlust aus? Aber wenn das Angebot gut ist, würden wir das sofort machen. Es ist also nicht so, dass wir da prinzipiell auf unser eigenes Ding bestehen, sondern es ist momentan eher ein notwendiges Übel. So wie es ist, können wir unsere Platten in der Qualität machen, wie sie sind. Aber es ist definitiv so, dass es uns noch an Bekanntheit mangelt, und das ist auch das Mühevolle an der Selbstvermarktung.