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Zwanzig Jahre Wolf Maahn - Zeit für eine Bilanz
Ich war selber etwas überrascht - zwanzig Jahre! Klingt
viel, oder? Nein, eigentlich war es eher so, dass ich am neuen Studioalbum
arbeitete, und ich so viele verschiedene Songs hatte, dass ich erst einmal
ausloten musste, in welche Richtung es weiter gehen sollte. Also wollte ich
irgendwie ein bisschen Zeit gewinnen, deshalb erschien mir diese
best-of-Geschichte eine gute Idee. Und siehe da, plötzlich fiel jemandem auf,
dass es ja schon das zwanzigjährige Jubiläum ist. Aber Bilanz klingt mir jetzt
eigentlich zu merkantilistisch. Es geht eher um den Versuch, die Essenz von
Wolf Maahn mal auf einem Album zusammen zu stellen.
Und die Songs hast Du zusammengestellt? Wonach bist Du
vorgegangen?
Ja, die sind von mir, aber mir war von vornherein klar, dass
man es mit einem solchen Album niemals allen recht machen könnte. Also habe ich
es mir einfacher gemacht, indem ich die CD als Einfach- und als Doppel-CD
anbiete. Die eine CD bietet das klassische Best-of-Ding mit den Songs, die
einfach die bekanntesten Songs sind, denke ich. Und die Bonus-Disc ist dazu die
Spielwiese - eigene Vorlieben, besondere Wünsche der Fans, das Hinterland der
CDs.
Fast alle Alben sind auf CD 1 berücksichtigt, allerdings
nicht "Third Language" - ist das eine Wertung?
Nein, davon gibt es einen guten Mix auf CD 2. Ich denke, das
Album gehörte nicht zu dem Bekanntheitsgrad der anderen Stücke. Irgendwann war
ich auch soweit zu sagen, dass ich die Hälfte des "Soul Maahn" Albums
mit drauf packe, aber wie gesagt, für CD 1 gab es das klare Entscheidungskriterium
der allgemeinen Bekanntheit.
Zwei der drei neuen Stücke des Jahres 2001 haben - trotz
überwiegend deutscher Lyrics - englische Titel, spielst Du jetzt mit der
Diskussion um die Anglizismen?
Ich mache mir darüber eigentlich keine Gedanken, ich folge
meiner Inspiration. Ich denke, wenn man den Refrain auf englisch singt und die
Strophe auf deutsch, dann kann das trotzdem noch jeder verstehen. Wir halten ja
keine Rede, sondern machen Musik, und da sollte eine magische Verbindung
entstehen zwischen Worten und Musik. Und da ist es mir egal, ob es Deutsch oder
Englisch ist.
Eins davon ist "Take it easy" - ist das Deine
Einstellung, eine Art Zustandsbeschreibung.
Den Song kann man auf verschiedene Weise deuten. Er hat auch
starke ironische Elemente in sich, aber nicht immer. Ich meine, viele Künstler
machen ein best-of Album, und ihr Bonus Song ist dann ein
"wir-sind-immer-noch-da, und-immer-noch-dufte-Titel, und mein, sage ich
mal, Jubiläums-Song ist eben ein ironischer Song über die Abartigkeit des
Spekulantenwahns an den Börsen überall, der immer mehr in unser aller Leben
rein spielt. Irgendwelche Großaktionäre fahren Schlitten mit uns, und keinen
stört es.
Also heißt es nicht unbedingt, dass wir jetzt jahrelang
auf ein neues Album warten müssen...
Man darf sich nie unter Druck setzen lassen, und gute Alben
können schon auch mal, wie im Fall von David Gray, sechs Jahre dauern. Ich
hoffe nicht, dass es so lange wird, aber unter Druck lass´ ich mich nicht
setzen.
Rückblick auf 20 Jahre Wolf Maahn - was waren denn die
Höhepunkte?
Also eines der absoluten Highlights war natürlich die
Rockpalast-Nacht damals. Das waren drei Stufen auf einmal für mich. Eine
Übertragung live in der ARD und in 17 europäische Länder, eine Sendung, die ich
nur als Fan vor´m Fernseher kannte und auf einmal stand ich auf dieser Bühne,
und vorher hatte ich kaum einen größern Bekanntehietsgrad. Das war der
Durchbruch. Das "Irgendwo in Deutschland"-Album war danach 47 Wochen
in den Charts. Eigentlich schade, dass es den Rockpalast nicht mehr gibt, denn
es war schon eine enorme Plattform.
Danach wurde es ja wieder etwas ruhiger
Ja, bis zum "Unplugged"-Album, das hat dann ja
doch enorm wieder zugelegt, sowohl verkaufsmäßig als auch von der Medienpräsenz
- 7 mal im deutschen Fernsehen, danach noch in 160 Länder verkauft, wir mussten
die darauffolgende Tour 3 x verlängern. Und das war auch etwas, was meine Songs
ein bisschen zum neuen deutschen Liedgut gemacht hat. Wenn irgendwo auf Parties
geklampft wurde, kam es auch plötzlich vor, dass man mal "Ich wart auf
Dich" oder "Wenn der Regen kommt" spielte.
Was ich bei der Produktion dieses Albums aber auch
faszinierend fand, als ich die alten Songs wieder rauskramte, war dass ein Song
wie "Rosen im Asphalt" nur durch modernes Remastering absolut
zeitgemäß klingt, er hat vom Stil und Sound alles, was auch heute noch einen
guten Rock-Song ausmacht. Und das Remastering hat viele Songs unheimlich nach
vorne gebracht, so dass sie besser klingen als noch auf den Original
Studio-Alben. Das hat mich besonders gefreut.
"Ich wart auf Dich" hat sogar eine neue Version
bekommen.
Ja, das ist mein Dankeschön an den Song, ich habe dem Song
viel zu verdanken. Es ist einer meiner bekanntesten, und er hat mir auch auf
Konzerten viele schöne Momente verschafft. Es ist jedes Mal ein tolles
Erlebnis, diesen Song zu spielen, und ich finde, dieser zeitgemäße Groove steht
ihm durchaus gut.
Für andere Songs kam das nicht in Frage?
Nein, dann nehme ich lieber ein neues Album auf, ich weiß
nicht, ob das sinnvoll wäre. Und wenn man ein best-of Album macht, wollen die
Leute ja auch die Versionen, die sie vom Radio oder woher auch immer kennen.
Wenn Du heute Songs wie "Fieber" oder
"Deserteure" spielst, bedeuten sie noch das gleiche für Dich?
Natürlich ändert sich das Umfeld und die Zeit, aber ich
denke, wenn es einem gelingt, ein paar Wahrheiten in den Texten zu haben, dann
sind sie eigentlich gefeit gegen ein Verfallsdatum. Und bei "Fieber"
oder "Deserteure" ist das der Fall.
Ein anderes Kapitel: "Better Life" bei der
Grand Prix-Vorausscheidung. War das eigentlich Deine Idee?
Ja. Oder besser gesagt, die Idee des Songs. Der ist ja
entstanden in Bosnien-Herzegovina, wo ich bei einem Promi-Fußballspiel mit
gespielt habe, und die Erlebnisse führten zu diesem Song, der ja eigentlich
geeignet dafür ist, Brücken zwischen Menschen zu schlagen. Er hat sehr viel
damit zu tun mit Kindern, und wie unbefangen Kinder mit dem Thema umgehen. Und
als er fertig war, hielt ich ihn einfach für sehr geeignet auf einer europäischen Plattform.
Hast Du Dir ehrliche Chancen ausgerechnet?
Sonst hätte ich nicht teilgenommen. Ich meine, es ging
natürlich auch darum, diese Tradition zu brechen, ein gestandener
Deutsch-Rocker beim Grand-Prix, so was macht man doch nicht. Und das reizte
mich. Gerade weil 80% der Musik im deutschen Fernsehen Folksmusik und Schlager
sind. Im Ausland sieht das ja sowieso schon anders aus, da gibt´s ja durchaus
mehr als dieses Gesülze.
Hat Dich der Grand Prix denn schon vorher interessiert,
oder ist das auch für Dich durch die "Guildo Horn" Welle gekommen?
Ich habe immer rein geschaut, aber Guildo hat natürlich
schon erreicht, dass ein größerer Kreis zuschaut. Er hat aber auch erreicht,
dass Pop und Gaga da mit rein fließen, und das spiegelt ja nicht unbedingt die
deutsche Pop-Kultur wider. Ich meine, eigentlich sollten auf einem Wettbewerb
auch Xavier Naidoo oder Herbert Grönemeier oder Element of Crime spielen, das wäre viel eher was ich mir
wünschen würde.
Dafür könnte man ja den Alternativen Grand Prix gründen.
Ja, ich finde, Du solltest das mal anleiern.
Du würdest also noch einmal mit machen?
Natürlich.
Was hat Dir der Grand Prix denn gebracht - eher Schelte
von den Kollegen und den Medien, oder auch neue Aufmerksamkeit und Hörer.
Nun, immerhin haben die Show 10 Millionen gesehen, auch wenn
ja, mit Michelle als Siegerin, wohl größtenteils Schlager-Publikum dabei war.
Aber was es mir gebracht hat, waren fünf Tage das Live-Erlebnis von Realsatire
im Hotel neben der Halle, wo der Hund eines Frisörs? Modemachers?
aus München mehr Medienintereese weckt als alles andere. Es
ging überhaupt um nichts anderes.
Aber Du würdest trotzdem noch einmal mitmachen?
Wenn ein Song dazu geeignet ist, ja. Aber das Problem ist
ja, dass man eigentlich mitmacht, um auf die europäische Plattform zu kommen,
zumindest war das ja das Ziel dieses Songs. Nur die Hürde, in Deutschland
ge-voted zu werden, ist eben eine andere. Eigentlich müsste man erst einen Song
für´s deutsche Publikum machen, um damit die Vorentscheidung zu gewinnen, und
dann den Song schnell austauschen, um damit in Europa Erfolg haben zu können.
Denn was die Deutschen voten, trifft offensichtlich nicht mehr den Geschmack
der Rest-Europäer.
Du erwähntest eingangs, dass Du an einem neuen Album
schreibst - ist das schon abgeschlossen?
Nein, und ich glaube auch nicht, dass ich vor Februar wieder
dazu kommen werde, weil jetzt erstmal die Tour kommt. Es gibt viele Demos und
erste Recordings, aber bisher mehr nur ein Puzzle, und nicht etwas, wozu man
viel sagen könnte. Vor Frühjahr 2003 wird´s auch noch nicht veröffentlicht.
Eine Frage, um die ich nicht herumkomme - Du hast eine
besondere Beziehung zu Bremen, kannst Du das noch einmal kurz etwas zu sagen?
Es fing damit an, dass ich auf irgendeiner Tour nachts durch
die Stadt zog, und es war so kalt und unpersönlich, und die Leute sahen
irgendwie auch recht wenig glücklich aus, du diese Stimmung drückte sich dann
im Song "Rosen im Asphalt" aus. Das nächste war, dass wir dann auf
Tour mal aufgenommen wurden von einer ganz tollen WG in Bremen, wo wir gewohnt
haben und endlich Bremer kennen und zu schätzen gelernt habe - diese etwas
reservierte aber doch sehr verlässliche Art, die der Norddeutsche wohl an sich
schon hat, aber an den Bremern war mir das besonders aufgefallen. Und
irgendwann ist ja auch der Song "Bremen" entstanden, ein Song eines
Menschen, der die Stadt eher von der Durchreise her kennt, aber der immer wenn
er in der Stadt ist, sich besonders wohl fühlt.