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Interview 2003
Von Ralf Koch
1. Nun also endlich mit einem Major Deal - spielt das eine Rolle für Dich?
Ja, es ist wichtig, ganz einfach weil nun mehr Leute die
Chance haben, sich ein Bild von der Band zu machen um dann zu entscheiden, ob
sie Porcupine Tree gut finden oder nicht. Zu lange haben zu viele Leute einfach
nichts von der band mitgekriegt. Das war mit dem Background einer kleinen
Plattenfirma einfach so nicht möglich. Und ich weiß auch nicht, welchen Weg wir
sonst hätten gehen sollen, weil das Leben als Underground Band auf Dauer doch
etwas “soul-destroying” ist.
Ihr hattet Gespräche mit Majors schon vorher – wie kam es
jetzt dazu?
Wir hatten Angebote von mehreren Labels. Es gibt mehrere
Gründe. Erst einmal waren wir als Band schon relativ bekannt, und die
Plattenfirmen wussten, dass wir viele Fans haben. Und dann gab es auch eine
Verschiebung im Bewusstsein der Plattenfirmen. Intellektuelle Rockbands wie
Radiohead, Tool, Mercury Rev, Sigur Ros, Coldplay – diese Bands haben Platten
verkauft, ohne Single-kompatibel zu sein. Im Endeffekt ist doch die ganze
Musikindustrie auf Album-Bands aufgebaut, und sie ist es einfach leid,
Millionen in eine Band zu investieren nur für den Erfolg eines einzigen Albums.
Was sie interessiert, ist eine Band, die auch durchhalten kann. Außerdem haben
unsere letzten Alben gezeigt, dass wir durchaus auch in der Lage sind, gute
Popsongs zu schreiben, Songs zu schreiben, die man im Radio spielen kann – das
war auf den früheren Alben ja nicht unbedingt der Fall.
Nein. Ganz einfach, weil uns die Marketingpower fehlte. Mit
diesem Album könnte das ganz anders werden. “Sound of Muzak” als erste Single
soll im Juni veröffentlicht werden.
Wird der Major-Deal Auswirkungen auf die Musik haben?
Niemals! Dann hätten wir
niemals einen Vertag unterschrieben. Wenn überhaupt irgend etwas, dann ist es
eher noch experimenteller, härter, dunkler. Es gibt keine Frage, dass Porcupine
Tree jemals eine Platte für die Ansprüche von irgend jemandem machen – außer
für uns selber! Und ich glaube auch, dass wir deswegen erfolgreich sind, dass
wir uns deshalb so lange gehalten haben. Wir sind immer wir selbst geblieben –
und immer unberechenbar. Mit jedem Album haben wir ein paar Fans verloren, aber
jede Menge dazu gewonnen.
Also was würdest Du sagen, ist der größte Unterschied des
neuen Albums zu den Vorgängern?
Oh, das ist einfach. Die neue Platte setzt endlich unsere
härtere Seite viel stärker frei. Die Produktion ist dynamischer, die Gitarren
sind lauter, die Songs sind schneller. Die Texte sind dunkler, es gibt einige
recht unbequeme Sachen darauf (lacht). Wenn die letzte Platte eher ein “Chill-Out”
war, dann ist die neue Platte Porcupine Tree Rocks! Und die Live Show wird auch
mehr eine Rock-Show. Und das Timing dafür ist perfekt, weil es durchaus ein
paar American Rock Elemente hat, was es einerseits weniger kommerziell macht,
andererseits sich eben bestens verkaufen lässt zwischen all diesem NuMetal
Zeug.
´Lightbulb Sun´ war melancholisch, das war mein
“Relationship-Breakup-Album”. Viele traurige Themen. Auf dem neuen Alben gibt
es viele harte, aggressive Texte. Auch aggressiv gegen dritte, normalerweise
schreibe ich ja eher persönliche Texte, aber diese Texte gehen viel gegen
bestimmte Leute – Kinderschänder, Serienmörder, Vergewaltiger,
Frauen-Misshandler, all diese netten Leute.
Manche, ja. Leute von denen ich gelesen habe, etc. Diese
Gewalt-Texte gibt es ja vornehmlich im Heavy Metal. Mich hat weniger die Seite
interessiert, was diese Leute machen, als die Frage, was diese Täter dazu
getrieben hat. Was ist in der Kindheit – oder dem Erwachsenenleben – eines
Serienmörders passiert, dass sie zu
Gewalttätern gemacht hat? War es eine einzelne Sache oder eine Serie von
Vorkommnissen? Die Songs sind immer eine Mischung aus Fact & Fiction. Es
gibt also nicht immer einen ganz bestimmten Auslöser für einzelne Texte,
sondern sie sind das Ergebnis meiner Studien in diesem Bereich.
Ein Stück, aus dem man nicht unbedingt schlau wird, ist
Trains – wovon handelt es?
Ich sage ungern spezielles über die Songs. Es ist eine
Reminiszenz an meine Kindheit – ich war schon immer fasziniert von Industrial
Sounds, nicht Industrial Musik, dieser Marilyn Manson Kram – und ich glaube, ein Grund dafür ist, dass
ich als Kind eine Weile in der Nähe eines Bahnhofs gelebt habe. Und ich lag im
Bett und hab diese Züge und all diese Geräusche gehört. Als Kind denkt man
eigentlich nicht, dass einen diese Geräusche beeinflussen. Aber ich habe
festgestellt, dass diese Sounds bestimmt haben, wie ich Musik oder Geräusche
allgemein wahrnehme. Und Trains handelt davon. Unter anderem, aber mehr will
ich nicht verraten. Ich habe mir abgewöhnt, meine eigenen Texte zu erklären,
das zerstört die Eigeninterpretation der Hörer. Ich glaube, Musik ist deswegen
eine überlegene Kunstform, weil sie den Produzenten wie den Konsumenten
gleichermaßen fordert. Der Hörer muss interpretieren, was er erfährt. Und es
gibt auch nicht immer nur eine bestimmte Interpretation von Texten. Es geht doch
darum, was sie dem Hörer bedeuten.
Ich sehe mich nicht unbedingt als melancholischen Menschen.
Ich glaube, jeder Mensch hat die gleichen Gefühle zu irgendeiner Zeit seines
Lebens. Jeder fühlt sich mal traurig, melancholisch, fröhlich, was auch immer.
Die Frage ist nun, warum ich so viel von der melancholischen Seite in meine
Musik stecke, und nicht meine fröhliche Seite. Ich bin durchaus ein fröhlicher
Mensch, ich bin nicht den ganzen Tag deprimiert! Aber Rockmusik hat seit jeher
eine starke Affinität zu traurigen Texten, im Metal z.B. findest Du immer
wieder die Begriffe Tod oder schwarz, etc.
Ich habe für mich fest gestellt, dass die Musik, die mich am
meisten anspricht, eher aus der dunkleren, traurigeren Seite kommt – denn die
kann sehr schön und aufbauend sein! Das widerspricht sich keineswegs, denn
Tatsache ist doch, dass traurige Musik uns sagt, dass wir mit unseren Problemen
nicht alleine sind, sondern dass das Sachen sind, de Jeder schon mal
durchgemacht hat, und das kann sehr aufbauend sein. Und auf der anderen Seite
macht mich diese künstliche Fröhlichkeit depressiv, all diese
Club-Dancescheiben, die sagen doch nichts über MEIN Leben. Und all diese Boy-
und Girlbands, die über Liebe singen – das sind doch Sachen, die die niemals
erfahren haben können. Britney Spears, singt über Sex und Liebe – und sie hat nichts davon erlebt! Diese
künstliche Sexyness ist einfach unreal, und das macht mich depressiv. Während
mich eben echte, emotionale Musik, melancholisch oder nicht, mich wirklich
berührt – und mich glücklich macht!
Ich weiß nicht, wo er hin ist. Ich sage Dir auch nicht, ob
er uns verlassen hat, oder ob wir ihn rausgeschmissen haben. Porcupine Tree
waren lange eine sehr extensive Band für die anderen Jungs, jedes Album hat uns
nur etwa 3 Monate eines Jahres gekostet, ein bisschen Aufnehmen, ein bisschen
touren, den Rest des Jahres hatten wir für andere Dinge frei. Als wir den Major
Deal unterschrieben, hat sich viel geändert – im Hinblick auf den Druck und die
Erwartungen und den Anspruch für die Band. Der Aufwand für die Band hat sich
ungefähr verdreifacht – mehr touren, mehr Songs, mehr Promotion. Und wir alle
wollten das, weil im Endeffekt alle wollten, dass wir genau das erreichen mit
Porcupine Tree – alle außer Chris.
Zuerst ging´s noch, aber im Endeffekt war es etwas, was ihn
nicht wirklich glücklich gemacht hat.
Jim hatte mir vor ein paar Jahren schon mal ein paar Demos
geschickt, ich glaube zum Produzieren oder so, aber ich sagte ihm, es wäre
nicht wirklich meine Art von Musik. Ich glaube, was mich an diesen
amerikanischen Heavy-Prog Bands immer am meisten stört, ist dieser
aufdringliche Gesang. Ich meine es gibt noch ein paar andere Sachen, die mich
stören... (überlegt)... aber ich will nicht mehr dazu sagen. Es ist einfach
nicht meine Musik. Ist ein bisschen “cheesy”.
Anyway, wir blieben im Kontakt, und dann erzählte er mir von
O.S.I., und ich liebe Kevin Moore´s Stimme, also schickte er mir ein paar Demos
und sie waren fantastisch! Allerdings war ich gerade dabei, das PT-Album zu
schreiben, also sagte ich ihm, dass ich nicht so viel Zeit hätte. Also
bearbeitete ich zumindest zwei seiner Stücke – die sie im Endeffekt zu
“Shutdown” zusammen gefügt haben. Ich hätte gerne mehr gemacht, aber ich bin
froh, dass ich zumindest diesen Beitrag
hatte.
Außerdem gibt es ein neues Opeth-Album – eine Band
aus dem Death Metal-Genre, deren letzen 2 CDs Du produziert hast. Ihr neues
Album “Damnation” zeigt dagegen eine ganz andere, ruhigere Seite von Opeth. Wie
groß war Dein Einfluss?
Sehr groß! Ich habe alle Keyboards gespielt, Backing Vocals,
Gitarre, ich habe die Songs zusammen mit Mikael Akerfeldt arrangiert und habe
das Album produziert, es war also schon eine Menge – und es hat eine Menge Spaß
gemacht. Bei ihren Metal-Platten hatten sie längst ihren eigenen Sound, aber
bei diesem Album konnte ich mich sehr stark einbringen.
Ja, definitiv! Aber nicht nur Opeth, es gab auch noch ein,
zwei andere Metal Bands, die mich inspiriert haben, ein paar mehr Metal Aspekte
in unsere Musik mit einfließen zu lassen. Opeth sind eine klasse Band. Wenn sie
progressive Metal spielen, dann haben sie beides, eine sehr brutale aber auch
eine sehr schöne Seite, und es ist diese Kombination, die mich reizt. Schon
wegen der Death-Vocals mag es nicht Jedermanns Sache sein.
Ja, wir würden beide sehr gerne mehr machen, aber sowohl
Opeth als auch PT stehen beide gerade auf der Schwelle, erfolgreicher zu
werden, und wir können nicht vorhersagen, inwieweit uns das beschäftigt halten
wird. Wir wissen beide, dass wir Interesse haben, aber unsere Zeitpläne werden
bestimmen, wann wir dazu kommen werden.
Und schließlich gibt´s noch ein neues Album von No-Man!
Porcupine Tree sind so unglaublich abwechslungsreich, wozu brauchst Du noch
dieses weitere Projekt? Sind PT trotzdem für Dich nur eine limitierte
Möglichkeit, Deine Kreativität loszuwerden?
Es gibt bestimmte Sachen, von denen ich denke, sie würden
nicht zum Sound von PT passen. Natürlich sind PT abwechslungsreich, aber No-Man
haben einen anderen Ansatz. Zunächst wäre das Tim Bowness als anderer Sänger,
der schon mal ganz anders klingt, als ich. Und dann gibt es keine Rock-Elemente
bei No-Man. PT sind, was immer sie machen, immer eine Rockband, No-Man stehen
auf der anderen Seite – mal Ambient-, mal Jazz-, oder sogar
Klassik-beeinflusst, und das sind Sachen, die ich nicht unbedingt mit PT
verbinden würde.
Ja, absolut. Die Hallen wurden gebucht, bevor die Platte
herauskam, und dann verkaufte sie sich viel besser als alle erwartet haben. Und
es ist ein unglaubliches Gefühl, plötzlich vor ausverkauftem Haus zu stehen,
und die Leute singen Deine Texte mit. Früher wussten wir nie, wie viele Leute
überhaupt kommen würden, und die Hälfte der Leute kannte uns kaum oder gar
nicht. Und plötzlich haben wir Fans auf der ganzen Welt, und das ist ein
unglaublich gutes Gefühl. Wie es aussieht werden wir schon im Mai wieder
kommen, spätestens aber im Herbst!
(Lacht) Ich weiß es nicht – will ich auch gar nicht. Eine
der besten Dinge mit meiner Musik war immer, dass ich nie wusste, wohin sie
mich führt. Ich habe nie etwas großartig geplant, sondern habe mich immer von
meinen Instinkten und meinem Enthusiasmus leiten lassen. Kuck Dir an, wo wir
VOR 10 Jahren standen – man kann kaum sehen, dass das die selbe Band war. Nur
wenn man sich all die Zwischenstadien anhört, kann man die Entwicklung
nachvollziehen. Aber ich hatte keine Idee, dass ich jetzt hier stehen würde.
Und wenn ich vor ein paar Jahren nicht Skandinavischen Heavy Metal für mich
entdeckt hätte, oder auch die Beach Boys, so viele Sachen wären jetzt ganz
anders. 10 Jahre sind eine so lange Zeit – ich weiß es nicht, und das mag ich!