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PT sind eine
Konsensband! Und unabhängig davon, ob es diesen Begriff gibt, oder nicht – je
länger man sich über das Wort Gedanken macht, desto mehr kommt man zu dem
Schluss, dass PT es wie keine andere Band besetzen könnte. Sie vermischen
Progressivrock, Psychedelic, Ambient und Metal auf der Basis von fast
Pop-ähnlich eingängigen Melodien – und
das sowohl mit tiefen Wurzeln in den 70ern als einer Ausrichtung mitten in der
heutigen Musikszene. Daneben gehören sie zu den wenigen Band, die nicht nur
keine „Gegner“ hat, sondern die man umso fester in sein Herz schließt, je mehr
man von ihnen hört. Wer sich für Rockmusik interessiert und über Porcupine Tree
stolpert, bleibt bei ihnen hängen. Das nenne ich eine Konsensband.
Vor 15 Jahren als
One-man-Psychedelic-Project in England gegründet, bildete sich mehr und mehr
eine feste Band um Mastermind Steven Wilson, und bekamen die Songs mehr und
mehr Struktur. Spätestens seit ihrem ´99er „Stupid Dream“ Album entwachsen PT
langsam aber sicher ihrem Insiderstatus – ein Prozess, der laut Wilson längst
noch nicht abgeschlossen ist.
Als Band, die sich
immer weiter entwickelt hat: was ist neu am neuen Album?
Ich denke, der Hauptunterschied
beim neuen Album ist, dass es auf einem Filmscript basiert, was dem Album ein
sehr cineastischen Feeling gegeben hat. Für das letzte Album, „In Absentia“ hatte sich eine Menge
geändert – ein neues Label, ein neuer Drummer, was zu einer sehr neuen Dynamik
in der Band geführt hat, wir haben auch erstmals verstärkte Metal-Elemente
eingeführt – und es war schon ein Schritt ins Dunkle beim letzten Mal, für den
wir ehrlich gesagt vielleicht gar nicht selbstbewusst genug waren. Beim neuen
Album sind wir mit diesen Dingen flüssiger umgegangen, glaube ich. Die Band ist
noch enger zusammen geschweißt, hat sich noch mehr einbringen können auch – ich
denke, „Deadwing“ ist geschlossener als das letzte, weniger schizophren, und
eben auch filmischer. Aber wahrscheinlich kann ein außenstehender Hörer wie Du
die Unterschiede viel besser erkennen, als einer aus der Band, der wie ich so
dicht an der Entstehung beteiligt war.
Um ehrlich zu sein, ich denke, dass es anders als bei
früheren Alben dieses Mal keine so großen Veränderungen gab... ich würde es
eher als Konsolidierung des „In Absentia“ Sounds sehen.
Ja, vergleichbar mit dem ´Double´ „Stupid Dream“ und
„Lightbulb Sun“, da gab es auch keine so großen Veränderungen. ES scheint also
derzeit so zu seine, dass wir uns in 2-Alben-Schritten verändern, was aber
nicht notwendig einen Trend für die Zukunft ergeben muss... (lacht).
Was heißt Filmscript – gibt es einen Film zum Album?
Es könnte einen geben, ja, aber bislang existiert nicht mehr
als ein Drehbuch von einem Freund von mir. Ich will nicht zu viel sagen, denn
vielleicht wird es den Film ja einmal geben, aber es ist eine Art ´Ghoststory´,
und in vielerlei Hinsicht das visuelle Äquivalent zur Musik von Porcupine Tree
– sehr surreal, traumhaft, sehr melancholisch, sehr europäisch, sehr
unkommerziell - man könnte den Film vom Feeling her ein filmisches Pendant zur
Band Porcupine Tree nennen.
Nun, mit Deiner neuen Plattenfirma im Rücken, dem steigenden
Erfolg – wäre es nicht perfekt gewesen, die Sachen zusammen heraus zu bringen?
Oh, ganz bestimmt, aber hast Du eine Ahnung, wie schwer es
ist, als unbekannter Filmproduzent Sponsoren für ein solches Projekt zu finden?
Das ist noch 100 Mal schwerer, als für eine junge Band, einen Plattenvertrag zu
kriegen. Wir sprechen, auch bei einem Low-Budget-Projekt wie diesem, von einer
knappen Million Euro, die nötig wären.
Apropos Majorlabel: Du konntest Deinen Erfolg immens
steigern mit Deinem Wechsel – hatte das irgendeine Auswirkung auf das neue
Album?
Oh nein, ganz bestimmt nicht! Nie hat jemals etwas die Musik
beeinflusst außer die Tatsache, dass die Band etwas ändern wollte, oder
irgendwelche Einflüsse mit hinein gebracht hat. Wir haben. Die Band hat noch
nie versucht, einem Erfolg hinterherzulaufen oder einen bestimmten Stil zu
erzeugen; wir haben schon immer Musik nur für uns selbst gemacht.
So viele haben geäußert, dass sie Angst hätten, dass wir uns
verändern würden wegen eines Major-Deals, weil wir einem Druck oder einer
Verschwörung ausgesetzt wären – entschuldige,
aber ich konnte darüber immer nur lachen, denn das ist lächerlich! Das
Gegenteil war der Fall. Wir haben so lange gewartet auf einen Majordeal, bis
uns eine Firma unsere völlige künstlerische Freiheit gewähren würde. Man könnte
uns fast arrogant oder selbstverliebt nennen, weil wir uns nie eingestanden
haben, auf die Wünsche von außenstehenden, Plattenfirma oder Fans zu reagieren.
Das ist der Unterschied für mich als Künstler zu einem Entertainer: Ein
Entertainer versucht, sein Publikum zufrieden zu stellen, wir sind Künstler,
und machen nur was wir selbst wollen. Und die Tatsache, dass andere Menschen
die Musik mögen, ist ein glücklicher Zufall. Versteh mich nicht falsch, ich bin
sehr glücklich darüber, und wir tun auch alles, um unsere Musik zu promoten,
aber bitte erst, nachdem wir sie fertig produziert haben.
Vielleicht ist es das ja, wo der Bandname herkommt.....
passt ja sehr gut zu dieser Einstellung...
Hehe, Du weißt wie ich dazu stehe.
Ich weiß, Du wirst es nicht verraten. Noch einmal zum gestiegenen
Erfolgslevel: Es muss sehr befriedigend für Dich sein, dass der Majordeal Dich
auf hierhin gebracht hat. Bist Du, wo Du hinwolltest, oder hast Du noch
Zukünftsträume?
Ich glaube noch immer, dass es potentielle Porcupine Tree
Hörer gibt, die unsere Musik noch nicht kennen. Ich finde unsere Musik nicht
kompliziert, sie ist sehr eingängig, sie ist vielleicht nicht so platt
kommerziell wie Popmusik, aber man kann sie leicht genießen. Sie ist
zugänglich, wenn auch vielleicht erst nach ein paar mehr Hördurchgängen als
Britney Spears, aber wir haben gute Songs – also ich wüsste nicht, warum wie
nicht Millionen anstatt von Tausenden
Platten verkaufen. Aber diese Sätze werden wohl weiterhin durch unsere
Karriere begleiten: „die beste Band, die Ihr noch nicht gehört habt“, „die
unterbewertetste Band“, „beste Underground-Band, die zum Mainstream gehören
sollte“, blablabla, ich kann es nicht mehr hören. Warum muss das so sein? Nur
weil wir keine offensichtlichen Hitsingles schreiben? Also ja: ich habe noch Träume
und Wünsche für die Zukunft.
Es wird Zeit, dass ihr beim ´Rock Am Ring´ spielt, würde ich
sagen!
Tja, bislang sind wir zu solchen Festivals nie eingeladen
worden – was vielleicht daran liegt, dass wir kein bestimmtes Genre bedienen,
man kann uns nicht so richtig einordnen. Wenn wir eine Metalband wären, würden
wir wahrscheinlich ständig auf die klassischen Festivals eingeladen. Das ist
unser Schicksal. Wir sind immer durch die Raster gefallen. Wir sind keine
Rockband, keine Metalband, keine Progressive Band, keine Popband, keine
Ambientband, keine Spacerockband – wir sind nichts davon und haben doch alles
davon.
Ein Stück wie „Arriving Somewhere“ baut sehr auf den
Elementen der traditionellen PT auf, oder?
In gewisser Weise, ja. Aber dann kommen die Metal-Elemente
im Mittelteil, vielleicht ja. Ich weiß was Du meinst. Es hat schon viel von den
klassischen Sounds.
Auf „Deadwing“ gibt es die ruhigeren Sachen, die harten,
straighten Songs, die Longtracks - gibt es eine bestimmte Art Song, die Dir auf
dem neuen Album am meisten gelungen vorkommt?
Falsche Frage, so etwas ist für mich sehr schwer zu
beantworten. Ich denke, das Titelstück ist ein sehr gelungenes Experiment mit
neuen Elementen. Aber ich bin sehr zufrieden mit allen Stücken – sie sind eh nur
die Cr´me de la Créme der Sachen, die wir geschrieben haben. Wir haben sehr,
sehr viele Stücke übergelassen, gute Stücke auch.
Was wird damit passieren?
Sie werden für B-Seiten o.ä. verwendet werden, vielleicht
wird es ein paar Downloads geben, mal sehen.
Deine ganzen alten Alben werden wieder veröffentlicht – hast
Du da irgend einen Einfluss darauf?
Ich habe keine Einfluss darauf, wann oder ob sie
veröffentlicht werden, aber ich versuche, mich einzubringen, beteilige mich mit
Remastering, Bonus Tracks. Ich weiß, dass es manchmal etwas viel erscheint,
aber es ist üblicherweise so, dass die alten Plattenfirmen von dem Erfolg ihrer
ehemaligen Schützlinge zu profitieren versuchen.
Ein Thema noch: Blackfield! Ist das jetzt der Weg für Dich,
diese eher ruhige Seite von Dir auszuleben, oder hat sich dieser Sound einfach
ergeben, weil Du mit Aviv Geffen mit einem komplett neuen Musiker zusammen
gearbeitet hast?
Beides eigentlich. Natürlich ist die Musik das Ergebnis der
beiden Komponisten – und die Schnittmenge der Musik von Aviv und meiner. Es
gibt Sachen, die ich in seiner Musik mag und nicht mag – und umgekehrt, es gibt
also Sachen, die für Blackfield nicht in Frage kommen. Er hat z.B. diese
Vorliebe für kurze, melancholische Songs, die ich auch mag, die ich aber nicht
so oft mache. Also machen wir diese Art Songs zusammen - und es war sehr
erfolgreich, es hat sehr viel Spaß gemacht – und wir arbeiten bereits an den
Songs für ein zweites Album.
Neben PT und Blackfield – gab es Zeit für irgendein anderes
Projekt?
Nein, und ich fürchte, daran wird sich auch dieses Jahr nichts ändern. Mein
Privatleben liegt seit zwei Jahren brach, und auch daran wird sich so schnell
nichts ändern. Aber ich habe mir selbst versprochen, mich im nächsten Jahr
etwas zurückzunehmen, und mich ein wenig um mein Privatleben zu kümmern.
Um ehrlich zu sein, ich war überrascht, dass das neue Album
so schnell kam!
Ja, und es kam zu einem hohen persönlichen Preis
Ist das die negative Seite des Erfolgs?
Ja, absolut! Vor zwei Jahren hat meine Freundin mich nach
einer langen Beziehung verlassen, ganz einfach, weil ich selten zu Hause war,
und seit dem gab es für mich keine engen privaten Bindungen mehr. Arbeit ist
toll, ich liebe meine Arbeit, aber letzten Endes gibt es mehr im Leben. Auch ich
brauche Wurzeln, ein Zuhause, eine Beziehung... ich meine, ich beklage mich
nicht, ich hatte eine tolle Zeit, ich habe so viel erreicht, von dem ich nie
erwartet hätte, dass es so passieren könnte, aber ich muss versuche, mein Leben
zurück zu gewinnen.
Dieses Jahr wird also wieder komplett für PT drauf gehen?
Ich muss! Ich entscheide das nicht allein, wir hängen da ja
alle mit drin und wir verlassen uns aufeinander. Wir haben eine Menge Tourneen,
Festivals – da wird vor Ende November nicht viel Zeit für Freiheit bleiben. Ich
will mich nicht beklagen, ich liebe was ich mache, und ich fühle mich sehr
privilegiert meine Musik machen zu können, aber die Fans vergessen oft, dass es
auch schwer sei kann. Ich habe keinen Beruf, nach dem ich um Fünf zu meiner Familie
nach Hause gehen kann, und die Beine hoch lege. Abgesehen davon brauche ich
sowieso erst einmal ein Zuhause und eine Familie.... (lacht).